Sag mir was du verstanden hast, damit ich weiß, was ich gesagt habe

Telegram Gruppen sind der neuste hot Tea, so scheint es mir. Da simmer dabei!
Gruppenprogramme, Inspirationsquelle, Verbindungssuche – ich will alles. Gerne all in.
Ein halbes Jahr Club-Member mit Inbrunst und Karacho. Darum (zu) viel zu sein soll es gehen. Im Außen und innen.
Wöchentliche Aufgaben und monatliche Calls animieren mich, zwei Leitfiguren folgend, mit Frauen wie du und ich in Kontakt zu treten. Den großen Hallen voll Selbstoptimierungs-energie mag ich abgeschworen haben (siehe Blogbeitrag https://rummelimkopf.com/2020/04/28/weilduesdirwertbist/ ), aber was ist schon einzuwenden gegen ein bisschen kollektives Tschakka, wohlbehütet, in Flausch-Socken gekleidet und von der heimischen Couch aus?
So nämlich!

Mit fulminantem Auftakt starten wir, aufbegehrend gegenüber dem außen vorherrschenden Herbst-Blues, in motivierte Kennenlernrunden, honorieren Beiträge gegenseitig mit Herz-Emojis und präsentieren uns einander, was das Zeug hält.
Wochenaufgaben zu sogenannten Higher-Self-Outfits infiltrieren mein Einkaufsverhalten und drehen meinen Kleiderschrank auf links. Ein Bewusstmachen von bestehenden Alltagsritualen und das Entdecken neuer Wegbegleiter erinnert mich daran, kleine Inseln der Ruhe wieder wahrzunehmen und zelebrieren zu dürfen.
„Neeext!“ ruft es in alter MTV Datingshow-Manier in mir.

Was daraufhin folgt, ist die besinnliche Zeit. Von „Next“ kann erstmal keine Rede sein. Hier geht’s nämlich erstmal nicht weiter, sondern vor allem zurück. Woche für Woche reflektieren wir, unter Berücksichtigung von sich wiederholenden Fragen, die aufeinanderfolgenden Quartale unseres 2025 in der Rückschau. Dass „wir“ reflektieren, ist vielleicht insofern eine Übertreibung, als dass ich möglicherweise nach Quartal Nummer eins mental aus der Aufgabe aussteige. Für kurze Zeit übernimmt die Genervtheit das Ruder. Was weiß ich denn, welche Frau ich im jeweiligen Quartal war? Im besten Fall ich selbst…
Zwischen den Jahren sitze ich vor meinem Kalender und übertrage all die schönen Peaks aus 2025 in die neue, noch unbeschriebene Version für das Folgejahr. Wahlweise lettere, zeichne und male ich Wunschvorhaben für das kommende 2026 auf eine der ersten Kalenderseiten. Jedes Jahr aufs Neue ist das mein Innehalten, mein Wertschätzen und mein Hoffnungs-schöpfen.  
Mit Rückblick auf die vierwöchige Reflektionsphase muss ich über meinen Groll schmunzeln. Vielleicht geht es am Ende gar nicht um das „Wie“, um die Art der Fragen, um die Zeitspanne oder darum meine Erkenntnisse zu teilen, sondern vielmehr um das „Was“. Darum, in die Rückschau gegangen zu sein. Reflektiert. Für mich.

Auch das neue Jahr beginnt mit Rückschau, so zumindest scheint es mir erst einmal. Wir legen den Fokus auf vergangene Momente, Orte und Begebenheiten, die unser Energielevel erinnerbar hochhalten. Im Erstellen meines Visionboards darf ich feststellen, wie viel Zukünftiges in der Vergangenheit steckt und schöpfe Motivation aus bereits gelebten Wunschzuständen.
In der darauffolgenden Woche spüre ich meinem persönlichen Energiebarometer nach und begebe mich auf die Suche, welche Bereiche meines Lebens das kleine, in meiner Brust schlagende Herz zum Hüpfen bringen. Diesen Prozess dokumentiere ich fotografisch mit meinem Handy, was mich irgendwann dazu bewegt, weg von „was ist mir passiert“ zu „was möchte ich, dass es passiert“ zu agieren.
So langsam komme ich in Fahrt.

Nach nunmehr fünf Jahren lose angefangener Textversuche in meinen Word-Dateien, halte ich das erste Mal seit langer Zeit Seiten aus Papier mit zu Ende gedachten Zeilen in meinen Händen und komme nicht umhin ein Gefühl von Zufriedenheit in der Magengegend wahrzunehmen. Für einen kurzen Moment ist es ruhig um mich. Viel mehr noch – es ist ruhig in mir.
Aus einer Laune heraus recherchiere ich die Zugänge meiner längst ad acta gelegten Website. In der Befürchtung alles neu aufbauen zu müssen, werfe ich meiner letztjährigen Lethargie schließlich ein verschmitztes Zwinkern entgegen. Das Gute an Tatenlosigkeit, darf ich feststellen, ist nämlich, dass in dieser Zeit nichts passiert. Außer, dass möglicherweise Kosten für längst vergessene Websites weiterlaufen und Domains dadurch unangetastet vor sich hindümpeln, nur darauf wartend, dass einen nach fünf Jahren möglicherweise doch in einem Schlüsselmoment von Geistesgegenwärtigkeit die Muse küsst. Punkt für die Lethargie.
Mit meiner brachliegenden Podcast-Domain sieht die Sache ein bisschen anders aus. Die Anbieter wollen, dass ich aktiv den Kostenapparat anwerfe, und strafen mich mit ihren Supporttexten mit dem mahnenden Unterton eines nicht wütenden, aber durchaus enttäuschten Elternteils ab. Tun sie wahrscheinlich gar nicht, aber mein schlechtes Gewissen will es so gehört haben und auch wenn wir uns nicht immer einig sind, so halten wir, wenn es drauf ankommt, doch zusammen. Punkt für die Podcast-Plattform.
Mit der auf die Probe gestellten Geduld einer Fruchtfliege klicke ich mich mehr oder minder systematisch durch Supportlinks und Suchmaschinenverweise. And here we are: (https://open.spotify.com/show/1RSNnTuThsgfK6nKo95xab?si=edf7042e7b414dd8). Punkt für mich.

Indes ich auf Betriebstemperatur zu kommen scheine, ebbt die Dynamik innerhalb der Gruppe ab. Herz-Emojis werden weniger, Wortbeiträge machen sich rar.
Kurz bin ich mir nicht sicher, was die ausbleibenden Reaktionen zu bedeuten haben und beschließe schnell meine Gedanken von dieser Thematik abzuwenden, um meiner Freude über mein Tun nicht durch Zweifel den Platz zu verwehren, der ihr jetzt zusteht. 

Mit Ankündigung des monatlichen Zoom-Calls trudeln schließlich doch Nachrichten in den Chatverlauf. Fünf Mal „Ich kann nicht“, drei Mal „Ich weiß nicht“ und ca. elf Mal „Ich meld mich nicht“.
Selbst leicht verspätet schlawinere ich mich, online eingewählt, drum rum eine Intention für die bereits laufende Unterhaltung offenzulegen. Da sein erscheint mir fürs erste Intention genug. Leichtsinnig, wie sich herausstellt.
Mein Name fällt im Gespräch. Schnell bereue ich meine Antwort darauf, wie es mir gefallen habe, bei letztwöchiger Aufgabe im Mittelpunkt zu stehen. Noch mehr was danach kommt. Mund, Herz und Trotzkopf knüpfen schneller Bande, als die Vernunft das Harmonie-bedürfnis benachrichtigen kann. Inbrünstig und zugleich pragmatisch kommuniziere ich, wie sich die Situation für mich darstellt, welche Fragen ich mir stelle, was ich nicht verstehe und was ich mir wünsche. Etwas, dass mir nicht zum ersten Mal zum Verhängnis wird.

„Sag mir was du verstanden hast, damit ich weiß, was ich gesagt habe“, formulierte einst Paul Watzlawick (1921-2007). Ein Teil der Gruppe erwacht. So ruhig die Kommunikation bisher verlief, so eifrig erhalte ich Feedback zu Worten innerhalb des Calls, von denen ich nicht weiß, sie gesagt zu haben. Jeden Tag etwas mehr.
Das geht spurlos an mir vorbei – würde ich gerne sagen. Anstelle dessen finde ich mich nervös am Filter einer Zigarette nestelnd, mit Kopfhörern ausgestattet auf dem Balkon wieder. Spulend. Immer wieder spule ich die Aufnahme des Calls vor und zurück, gehe Gesagtes für mich durch und blende zudem Untertitel ein, damit mir nichts entgeht. Minutiös widme ich mich jedem Detail. Fast schon in der Hoffnung darauf, einen Satz, ein Wort, eine Silbe… einfach irgendetwas zu hören, was mich aufhorchen lässt, was mir die Chance, die Legitimation gibt, ein Schuldeingeständnis in der Telegram-Gruppe zu formulieren. Vergeblich.

In mir der Wunsch, mich zu erklären. Ich will Licht in die Sache bringen. Klarstellen, dass ich niemanden persönlich angreifen möchte. Versichern, dass ein „Dafür“ anstatt eines „Dagegen“ gemeint ist. Untermauern, dass natürlich jeder Mensch genau so sein darf, wie er ist. Und gleichzeitig will ich ehrlicherweise gar nichts davon.

Was ich wirklich will, ist Wochenaufgaben mit Kontinuität. Wie die Aufgaben genau aussehen, ist mir dabei gar nicht so wichtig. Ob es um stilistische Entwicklung geht oder darum, mich in meiner Persönlichkeit zu ergründen. Egal. Am Ende mach ich daraus eh, was ich will. Und irgendwie zahlt es auch beides aufs gleiche Konto ein.
Mindestens drölfzehn Mal bin ich irgendwo „tief getaucht“ und habe das ein oder andere Persönlichkeits-Game für mich durchgespielt. Mindestens genauso oft habe ich mich mit den Inhalten zu meinem für mich angefertigten Style-Kompass auseinandergesetzt. Dennoch sehe ich mich überproportional häufig mit Krümeln auf dem Hoodie in Strumpfhose durch die Wohnung pesen.
Ein bisschen ist es wie Fahrradfahren. Habe ich es verstanden? Klar. Wie sieht es praktisch aus? Rudimentär. Fahre ich? Vielleicht zweimal im Jahr. Und nichts davon ist richtig oder falsch. Nur schneller, das werde ich eben nicht. Und da kann niemand etwas für. Schon gar kein Radfahrer. Die ärgern mich höchstens, wenn sie mir ohne Licht durch die Seitenstraße entgegenkommen. Sie nehmen mir nicht die Möglichkeit selbst aufs Rad zu steigen, da will ich ja gar nicht hin. Mir fehlt nicht der Raum. Ich habe für mich entschieden, den Raum für das Fahrrad in den Keller zu verlagern. Und will ich doch mal in die Pedale treten, dann wechsle ich zurück auf die Straße. In meinem Tempo.
Vielleicht überholt mich jemand. Hauptsache ich hör die Klingel und wer weiß, vielleicht häng ich mich hinten dran.

Ob Fahrradwege, Telegram Gruppen oder sonstige Beschäftigungen: Wie auch immer der Raum aussieht, in dem wir uns bewegen – er ist da. Raum für Stylingexperimente, Inner-Deep-Shit, Raum für Austausch, all das ist da – sofern wir ihn als solches nutzen.
Vielleicht geht es am Ende gar nicht um das „Was“, unterschiedliche Charaktere, um verschiedene Motivationen oder darum, am lautesten zu sein, sondern vielmehr um das „Wie“. Darum, sich auszudrücken. Sichtbar zu sein. Auf die eigene Weise.

Montagmorgen. Eine neue Wochenaufgabe flattert in den Chat. Wir sollen feierlich und rituell Abschied von bisherigen Alltags-Kostümierungen nehmen, die uns bis dato dienlich waren. Dabei steht es uns frei einen „Buddy“ aus der Gruppe auszuwählen. Eine Person, bei der wir das Gefühl haben voll umfänglich ehrlich sein zu können, um gemeinsam in den Austausch zu gehen.
Erneut bewaffne ich mich mit Kopfhörern. Ich wähle einen Buddy und gemeinsam gestalten wir Raum und Zeit. Das „Was“ treibt uns zu zweistündigem Ideen-Austausch an, das „Wie“ sorgt für eine noch festere Verbindung zwischen uns.
Ob wir, wenn das Wetter schöner ist, eine Radtour machen, fragt meine beste Freundin. „Nur wenn du klingelst.“, antworte ich.

Wer laut wird, hat Unrecht

Getragen von Zorn werfe ich voller Wucht die Fernbedienung in Richtung des Sofahockers. Rotation lässt das Handteil ungünstig auf dem Polsterstoff auftreffen und schleudert es mit karmischer Genauigkeit zurück. Zielsicher, ungehalten und mit unglaublicher Präzision, trifft die Kante der Fernbedienung auf meine Unterlippe. Schmerz durchzieht unmittelbar meinen Kopf. Der Geschmack von Blut benetzt meine Zunge. Ich presse die Augen zusammen und versuche die Tränen zurückzuhalten, welche ungeachtet dessen meine Augeninnenwinkel mit Salz versehener Flüssigkeit tränken.
Von Gegenüber schallt ein Lachen. „Da siehst du nun, was du von deiner Wut hast!“
So steht sie da. Ein unmessbar denunzierender Grad an Erhabenheit, komprimiert auf 1,56m. Meine Mutter.

Privatsphäre ist lange Zeit für mich Sehnsuchtsdenken, Grenzüberschreitungen dagegen an der Tagesordnung. Jedwede Form von Aufbegehren wird quittiert mit Sätzen wie „Stell dich nicht so an.“, „Hab dich nicht so.“ oder meinem All-Time-Favourite „Wer laut wird, hat Unrecht.“.
Ich lerne Emotionen runterzuschlucken, daraus resultierende Bauchschmerzen zu ignorieren und perfektioniere mich in Selbstregulation. Erhascht mich ein Gefühl von Wut, atme ich. Viel. Droht die drückende Nebelwand im Kopf die Oberhand zu erlangen, ziehe ich mich zurück. Am besten mit Kopfhörern. Strömt Energie unaufhaltbar durch meinen ganzen Körper und verselbstständig sich bis in die Fingerspitzen, gehe ich in Bewegung. Macht es den Kopf auch nicht frei, den Körper macht es müde.

Bei familiären Unstimmigkeiten atme ich weg.
Nach stressigen Arbeitstagen setze ich Kopfhörer auf.
Als ich nach meiner ersten Dienstreise in eine leergeräumte Wohnung zurückkehre, laufe ich. Mit Kopfhörern. Außer Atem. Jeden Tag.

***

Mit argwöhnischem Blick lasse ich die Autotür hinter mir ins Schloss fallen. Umringt von malerischer Baumkulisse blicke ich auf die Tür eines wie in die Landschaft gemalten Hauses. Vier Tage soll ich hier ein Zuhause finden.
Meine Cousine bat mich, mit ihr an einem Seminar teilzunehmen. Sechshundertfünfzig Euro ließ sie sich dieses Geschenk kosten.
Man zeigt uns die Zimmer und neben der bewundernswerten Aufteilung des Hauses, komme ich nicht umhin festzustellen, dass wir offensichtlich in Mehrbettzimmern untergebracht sind. In mir steigt Unbehagen auf. Im Giebel des Zimmers finde ich die Möglichkeit meinen Schlafplatz einzurichten und ein kleines Stück Rückzug für mich zu beanspruchen. Die Kunde vorerst auf meinen morgendlichen Kaffee zu verzichten, trägt nicht zu einem Stimmungshoch bei.
Feste Rituale begleiten uns über die gesamte Aufenthaltsdauer und sollen uns helfen zwischen fokussierten Prozesseinheiten Struktur zu finden. Immer wieder entstehen auf diese Weise Zusammenkünfte innerhalb der Gruppe, sittsam beisammen, begleitet von Tee und Kerzenschein, wahlweise in einer Nische, am Küchentisch.
Je mehr ich mich nach Zurückgezogenheit sehne, so scheint es, desto mehr treten Mitteilnehmende mit mir in Kontakt. Gleichzeitig darf ich Zeugin davon werden, wie meine Cousine förmlich um Harmonie und Beisammensein mit all den Menschen um uns herum buhlt. Sie biedert sich an, wirbt säuselnd um die Aufmerksamkeit der anderen, sucht Konnektivität an jeder Stelle und erntet im selben Maß Gleichgültigkeit.

Viertägige Abgabe von Autonomie, der unerfüllte Wunsch nach Rückzug, die unstillbare Gefallsucht meiner Cousine… Wieder erwische ich mich dabei etwas wegzuatmen. Die morgendlichen Meditationen sollen mir statt Kopfhörern Ruhe schenken, ungeahnt der Lautstärke, die ihr in Wirklichkeit innewohnt. Außerhalb des täglichen Sportrituals bietet sich keine Gelegenheit, um Laufen zu gehen.

Pünktlich zur nächsten Prozesseinheit finden wir uns als Gruppe im Seminarraum des Hauses ein. Ungelebte Gefühle, festgefahrene Mechanismen, ins Heute getragene Traumata… all das bestimmt unsere gemeinsamen Stunden. Ich sehe Dinge, von denen ich nicht glaubte, ihnen jemals gewahr zu werden. Ich höre Worte, die Irrsinn und Klarheit gleichzeitig nähren. Ich fühle… Ungerührtheit.
In Kleingruppen widmen wir uns nach diversen emotionserforschenden Übungen nun gemeinsamen Wutprozessen. Während zwei Personen mich fest im Sicherheitsgriff halten, steht vor mir ein Stellvertreter, um sich symbolisch für mich als Projektionsfläche in den Dienst zu stellen. Er provoziert mich. Er triezt. Er fordert mich heraus. Und ich? Ich lache.
Ich rechtfertige, relativiere und winde mich mit den Worten „Und was bringt es, wenn ich wütend werde?“.

Eine der Trainerinnen trifft für mich die Entscheidung anstelle dessen in einen sogenannten „Liegeprozess“ zu wechseln. Seufzend ergebe ich mich ihrer Idee und finde mich kurzerhand mit weiteren drei Personen, nebeneinander in der Waagerechten, auf dem Boden wieder. Unsere Verbindung wird durch das Festhalten von Geschirrhandtüchern gewahrt, locker an jeweils einem Ende mit der Hand umfasst. Links von mir eine junge Frau, dahinter ein Mann. Rechts von mir ein weiterer. Gemeinsam verpflichten wir uns zum Befolgen zweier Regeln. „Ich achte darauf, niemand anderes zu verletzen.“, direkt gefolgt von „Ich achte darauf, mich nicht selbst zu verletzen.“
Jemand brüllt. „Jacky hat die Augen geschlossen!“ Offenbar gilt dies als Negierung des Gesagten. Mantraartig muss ich wiederholen. „Ich achte darauf, auch mich selbst nicht zu verletzen.“
Man klärt uns darüber auf, gleich bis drei eingezählt zu werden. Es soll der Startschuss sein, um all unsere Wut zu kanalisieren und unter anderem stimmlich nach außen zu tragen. Die Handtücher dienen uns als Halt, so dass wir unsere Energie, transferiert in Zugkraft, hinauslassen können, ohne dass jemand anderes dabei zu Schaden kommt.
Während eine entschiedene Stimme die Zahlen eins bis drei kraftvoll an uns richtet, rolle ich innerlich mit den Augen. Auf dem Boden liegend vor sich hinzubrüllen, entbehrt für mich nicht einer gewissen Lächerlichkeit. Gleichzeitig will ich andere Teilnehmende nicht um ihr Erlebnis bringen. Mit zusammengekniffener Augenpartie grunze ich vermeidlich griesgrämig vor mich hin. Wir werden angefeuert und dazu angehalten unseren Gefühlen freien Lauf zu lassen, um uns kurz darauf wieder der körperlichen Entspannung hinzugeben.
Ich bin genervt. Atmen hat keinen Zweck.

Ein zweites Mal dringt das Hochzählen von eins bis drei an mein Ohr. Obwohl ich mir nicht einmal Mühe gebe, spüre ich links von mir nur lasches Ziehen am Geschirrhandtuch.
Keine Kopfhörer. Keine Ruhe.
Und dann schreie ich. Lauter. Das Flirren in meinen Zellen beginnt. Wut kocht in mir hoch. Sie findet ihren Ursprung im Bauch und breitet sich von dort rasend schnell aus. Ich schreie und ich ziehe. Immer mehr. Energie durchströmt meinen ganzen Körper. Sie brodelt, bis in die Fingerspitzen. Und sie will raus.
Wir pausieren und man schickt uns zurück in die erschöpfte Entspannung. Doch ich kann nicht. Ich bin nicht erschöpft. Ich bin wütend!

Ein letztes Mal wird hochgezählt. Viel zu langsam.
Elektrisiert liege ich am Boden, höre „Eins!“. Meine Gliedmaßen stehen unter Spannung. „Zwei!“, tönt die durchdringende Stimme an mein Ohr. Wie fremdgesteuert und gleichzeitig vollkommen klar umfasse ich zu meiner linken wie zu meiner rechten das Geschirrhandtuch mit festerem Griff. „DREI!“, dröhnt es abrupt aus meiner Kehle.
Mein Körper windet sich, jeder Muskel steht auf Spannung und ich schreie. Mit jeder Faser meines Körpers. Aus tiefster Seele. Schier unendlich.
Nach einer gefühlten Ewigkeit ebben die Laute ab. Jegliche Anspannung verkehrt sich ins Nichts. Mit ausgestreckten Gliedmaßen liege ich da. Und ich atme. Nicht weg, sondern ein. Ruhe wabert wunderbar wolkig durch meine Neuronen. Keine Bewegung erforderlich. Einfach nur Sein.
Neben mir vernehme ich leises Wimmern. Während der links außen liegende junge Mann sich langsam zur Seite rollt, um sich aufzusetzen und sich mit seinen Händen über das Gesicht zu reiben, ähnlich dem Aufstehen nach einer anstrengenden Nacht, verfällt unsere gemeinsame Platznachbarin ins Schluchzen. „Da kam so viel Wut von der Seite.“, bringt sie zwischen zwei Schluchzern hervor. Indes liege ich da. Seelig alle Viere von mir gestreckt. Ob ich noch wütend bin, fragen sie mich. Ich muss lachen.

Eine ganze Woche lang fehlt mir danach die Stimme.
Jetzt da sie zurück ist, weiß ich, dass ich sie mir nicht mehr nehmen lasse.
Denn wer laut ist, mag vielleicht Unrecht haben.
Wer aber still bleibt, verwirkt sein Recht.

***

Heute weiß ich, dass es Wut ist, die meiner Wahrhaftigkeit eine Stimme gibt. Es ist Wut, die meinen Gedanken als Vehikel dient, um den Übertritt in die Wirklichkeit zu meistern. Und es ist Wut, die nicht mehr mich kontrolliert, seitdem ich sie akzeptiere. Oder um es mit den Worten von Bruce Banner zu sagen:

Das ist mein Geheimnis, […]. Ich bin immer wütend.

Alles eine Sache der (Retro-)Perspektive

Wie gerne neigen wir dazu, zu klassifizieren? Bei Dingen ist das oftmals relativ leicht und schnell in Form von Schwarz-Weiß-Denke abgetan. Bei Menschen wiederum sieht das schon wieder anders aus. Wird das unserem Gegenüber gerecht? Wahrscheinlich nicht. Neigen wir trotzdem dazu? Auf jeden Fall.

Vor allem im Bereich Persönlichkeitsentwicklung sprechen wir viel über Merkmale. Ist jemand eher introvertiert oder extrovertiert? Verhält er/sie sich eher personen- oder prozessbezogen? Haben wir es mit einem Kopf- oder einem Gefühlsmenschen zu tun? Schublade auf, Schublade zu.


Ich habe jemanden kennengelernt.

Wenn ich das so hervorhebe, muss ich schmunzeln, ist das doch eigentlich nichts Ungewöhnliches. Grad zu COVID-Zeiten lässt sich das dennoch vermutlich unter Rarität verbuchen. Aber zurück zum Thema: In unserem Kennenlernen ist über die Zeit eines für uns klar geworden:  Er ist ein Kopfmensch, der alles durchdenkt und keine gedankliche Option auslässt, ich bin ein Gefühlswesen, welches intuitiv Entschiedenes (er-)lebt. Auf den ersten Blick klingt das einfach und herrlich definiert. In der Retrospektive hätte es also klar sein müssen, dass Himmel und Erde zwei unterschiedliche Welten bilden. Zumindest scheint das der Grund, weshalb dieser Mensch, trotz aller für uns sprechenden Optionen, die wenig Protestierenden als ausschlaggebend erachtete. So gehen wir getrennte Wege oder zumindest im wahrsten Sinne des Wortes nicht mehr Hand in Hand, in aller Freundschaft.


Freundschaft hin oder her, auch das will verarbeitet werden. Wie ich das mache?

Mit doppeltem Salto und dreifacher Schraube stürze ich mich, wer hätte das gedacht, in meine Gefühlswelt. Von den Wogen der Musik meiner Spotify-Playlist getragen, tauche ich abwechselnd in das tosende Meer der Traurigkeit ein und reite auf den aufbrechenden Wellen des Optimismus. Unabhängig von farbenfroh skizzierten Metaphern bedeutet das im Grunde genommen, dass ich in mich reinspüre und jeglichen Impuls zulasse, der mir dabei entgegenschlägt. Eine Freundin ruft morgens an, dass Schnee gefallen ist. Barfuß und nur mit einem langen Pullover bekleidet, laufe ich in den Garten, lausche dem Knistern des leicht angefrorenen Schnees unter meinen Füßen und fange Schneeflocken auf meiner Zunge. Ich lade mir „Hook“ im Streaming-Dienst herunter und sehe Robin Williams mit glitzernden Augen dabei zu, wie er sich der Leichtigkeit des Fliegens erinnert und kaufe im Supermarkt Trinkpäckchen, deren Ecken ich beim Schlürfen des Inhalts nostalgisch nach oben klappe, so wie meine Mutter es früher für mich getan hat. In meinen Ohren dabei die Kopfhörer, über die Hoffnungsklänge aus Disneyfilmen an mein Gehör dringen. Im sicheren Raum meiner warmen vier Wände tanze und singe ich dazu aus vollem Hals. Ich bin traurig und ängstlich, freudig und wütend zugleich.


Wie er das macht?

Abgeklärt sinniert er darüber, auch mal wieder meditieren zu müssen. In Pro- und Contra-Listen wägt er die Sinnhaftigkeit seiner Entscheidungen ab, beobachtet morgens die zarte Schicht Schnee auf seiner Terrasse und horcht dem Zwiespalt seiner Gedanken. „Wenn ich jetzt noch laufen gehe, sehe ich vielleicht noch etwas schneebedeckte Landschaft, bevor alles weggetaut ist.“

Zugänglich für jedermann auf Social Media beobachtet er im Laufe des Tages mein Tun. Auf dem Handydisplay erscheint, wie ich mit nackten Beinen durch den Schnee balanciere und ihm stellt sich die Frage: „Warum habe ich das nicht gemacht?“. Mit dem nächsten Schneefall erscheint in meinem Social Media Feed ein Bild von Barfuß-Spuren im Schnee. In Sprachnachrichten berichtet er mir freudig von seinem Erlebnis und teilt mir später mit, wie befreiend es ist, zu Disney-Songs durchs Haus zu rauschen, gefolgt von dem Bild eines Schneemanns mit der Aufforderung „Challenge!!!“ an mich gleichzuziehen.

Indes robbe ich gedankenfrei durch den Garten, fasse pappige Schneehaufen zu wohlgeformten Kugeln zusammen, errichte neben meiner Terrassentür eine stattliche Schneefrau und staffiere diese mit allerlei Deko, wie Kleid, Schmuck, Perücke und Klimperwimpern aus. Zufrieden mit „Olga“ und mir wate ich zurück in die warme Stube und belohne mich mit einer Tasse heißem Kakao. Auf meinem Handybildschirm blitzt eine Nachricht auf. Mir entgegen prangt das Bild eines Schneemanns, samt Hut und Sonnenbrille. Darunter die Bildbeschreibung „Challenge!!!“. Meine Gefühle fahren Achterbahn. Ich bin ängstlich: „Wenn ich jetzt ein Bild von Olga mache, sieht es aus, als wäre ich auf die Aufforderung eingegangen.“ Und wütend: „Ich habe die Idee doch schon vor dem blöden Bild gehabt!“ Und traurig: „Bilder von Spuren im Schnee, gelöstes Singen, gelebtes Gefühl, … all das zeigt ER nach draußen. All das zeigt er dank MIR, nicht mit mir. All das sehen ANDERE Menschen. All das werden SIE erleben, dank MIR, mit IHM.“ Im Looping der Achterbahn gefangen, überschlagen sich meine Empfindungen unkontrolliert. Meine Gliedmaßen zittern, ein Kloß manifestiert sich in meinem Hals, unbewusst balle ich meine Hände zu Fäusten und Tränen steigen mir in die Augen. Als unvermittelt ein Gedanke mein inneres Karussell abrupt zum Halten bringt: „Jetzt seid mal still! Lasst den Typen doch frei sein. Nur weil er mit einem Mal sein Glück findet, heißt das doch nicht, dass unseres dadurch an Wert verliert. Wir müssen ihm nicht dabei zusehen, wie er glücklich ist, wir können die Perspektive wechseln und den Blick wieder auf das unsere lenken.“


Die plötzliche Erkenntnis …

… dass es nicht die Gefühle sind, sondern dass es mein Kopf ist, der sich hier bei mir meldet, erschüttert mich kurz und rüttelt mich gleichermaßen wach.

In unserem Auseinandergehen ist über die Zeit eines für mich klar geworden: Er ist nicht nur Kopfmensch, der alles durchdenkt und keine gedankliche Option auslässt, ich bin nicht nur Gefühlswesen, welches intuitiv Entschiedenes (er-)lebt. Auf den ersten Blick klingt das vielleicht schwierig und fürchterlich kompliziert. In der Prospektive ist klar, dass Himmel und Erde an einem Punkt zweier unterschiedlicher Welten in Verbindung treten.

Das Streben nach Glück

2021, wieder ein neues Jahr und damit jede Menge energiegeladener Vorsätze. So zumindest scheint es bei allen anderen.

Nicht, dass mir grundsätzlich nicht nach Selbstoptimierung wäre, die ein oder andere Auffrischung kann nie schaden, dennoch ist der Kelch dieses Mal, zumindest gefühlt, an mir vorbeigegangen. Noch vor der Jahreswende waren da sogar mehr oder minder ausgeprägte Ambitionen. Schließlich hatten wir alle im letzten Jahr aus nicht ganz ungekannten Gründen alle reichlich Zeit, uns über jene Ambitionen Gedanken zu machen. Ein Vision-Board, To-Do-Listen, die persönliche Bucket-List … eintausend Möglichkeiten, den eigenen Horizont zu erweitern, messbar Entfaltungsprozesse darzustellen und dem Stillstand die Stirn zu bieten.

Dennoch sitze ich, eingekuschelt in einer überdimensionalen Wolldecke inklusive drauf liegengebliebener Chips-Krümel auf meinem Samt bezogenen Sofa und lasse die ersten Tage des noch jungen Jahres wie benebelt an mir vorbeiziehen. Aus dem Waschraum schreit förmlich die vor Tagen angestellte Wäsche nach Erlösung, aus der Trommel befreit zu werden. Den laufenden Fernseher strafe ich seit ebenso langer Zeit mit halber Aufmerksamkeit. Auf meiner Brust liegt eine Wolke aus Schwermut und relativ schnell macht sich in meinen Gedanken ein Gefühl von Ertapptheit breit. Das schlechte Gewissen, nichts zu tun, und genau jetzt auf der Produktivitätsskala so weit unten zu verharren.


Sollte ein Neujahrsstart nicht genau das sein – produktiv?

Aber jetzt mal stopp, wer sagt das eigentlich? Wer sagt, dass wir genau am 01.01. eines Jahres mit Vollgas in den Startlöchern stehen müssen? Wer behauptet, dass unsere Visionen am Jahresanfang die klarsten sein sollen und wer hat in Stein gemeißelt, dass nur Neujahr auch nach Neubeginn auf der Zunge schmeckt? Braucht es wirklich ein Vision-Board, um sich über seine Ziele bewusst zu werden? Wie viel To-Do-Liste ist nötig, um seinen Alltag erfüllt zu nennen? Und was zum Henker ändert eine Bucket-List?


Dieses ständige Nach-vorne-Streben macht mich müde.

Ich entschließe mich, der Zukunft vorerst den Rücken zu kehren so Gott will, kommt davon noch genug auf mich zu) und widme mich vorerst dem Vergangenen. Wenn ich die letzten Jahre nämlich eines gemacht habe, dann vor allem Dinge aufschreiben. Unabhängig davon, ob Berufliches, Privates, Seminar- oder Gedankengut, bei mir bleibt nichts undokumentiert. Organisatorischen Missständen oder, um das Kind beim Namen zu nennen, meiner Faulheit geschuldet, stehen all diese Dinge, allerdings bunt gemischt und hintereinander weggeschrieben, in einem großen Notizbuch.

Da sich in dem mir innewohnenden Chaos aber nichtsdestotrotz ein Fünkchen Ordnungsliebe erhalten hat, bestelle ich mir nun weitere, kleinere Büchlein und ordne diese einzelnen Themenbereichen zu. Seite für Seite blättere ich das gut genutzte Notizbuch durch und übertrage dessen Inhalte in die neu dazugekauften Bücher. Nach einiger Zeit halte ich inne. Was ich lese, kommt mir seltsam vertraut vor. Irritiert blicke ich auf das obenstehende Datum und stelle fest, dass die Worte bereits knapp zwei Jahre alt sind.


Ich sollte innerhalb meiner Firma beruflich aufsteigen.

Lange hatte ich nebenberuflich Weiterbildungen besucht und für mein Weiterkommen geschuftet, was sich nun bezahlt zu machen schien. Und weißt Du was? Mir bibberten die Knochen. Die eine Sache war es, auf etwas hinzuarbeiten, etwas sein zu wollen, eine andere, es letzten Endes zu leben und wahrhaftig zu sein.

Das Ziel stand also schon mal, aber welcher Mensch müsste ich sein, um dem Ziel zu entsprechen? In der Ausbildung hatte ich mich viel mit Prozessen beschäftigt, die dem Erreichen von Zielen dienten. Jetzt war es an der Zeit, genau dieses Wissen für mich nutzbar zu machen. Mit der Unterstützung meines Coaches begab ich mich in einen Visualisierungsprozess und erschuf dabei nicht nur mein Ziel-Bild in Gedanken neu, sondern vor allem das Bild, das ich von mir in der anstehenden Lage haben wollte.

Um in meinen Gedanken eine möglichst detailreiche Abbildung zu kreieren, stellte ich mir unterschiedliche Fragen, immer unter der Prämisse, ich hätte mein Ziel bereits erreicht:

In was für einem Umfeld befinde ich mich zum Beispiel? Wo und vor allem wie wohne ich? Mit welchen Menschen umgebe ich mich? Was fällt mir ins Auge? Nehme ich bestimmte Geräusche oder Gerüche wahr und spüre ich möglicherweise bestimmte Gefühle in mir aufsteigen?

Welche Verhaltensweisen lege ich an den Tag? Wie gebe ich mich anderen, aber auch mir selbst gegenüber? Was für ein Gebaren braucht es, um mich je nach Situation zu bewähren?

Mit was für Fähigkeiten bin ich ausgestattet? Beherrsche ich womöglich eine neue Disziplin oder verfüge ich über noch ungeahntes Wissen?

Welche Werte entstehen aus all dem? Was treibt mich an? Habe ich vielleicht bestimmte Glaubenssätze entwickelt, die mir Kraft spenden?

Und schlussendlich: Wer ist die Frau, die all das in sich vereint? Wer bin ich?


Die Antworten auf all diese und viele weitere Fragen liegen heute vor mir

… in einem Notizbuch, mit royal blauer Kugelschreibermiene niedergeschrieben, auf inzwischen welligem Papier mit leicht ausgefransten Seitenrändern.

Ganz sachte entspannt sich meine Augenpartie und ich bemerke, wie mein linker Mundwinkel spitzbübisch gen Himmel zuckt. Was ich dort in handschriftlich geschwungenen, gleichmäßig auf den Linien des karierten Papiers niedergeschriebenen Zeilen lese, ist seit circa einem Jahr gelebte Geschichte. In einigen der Punkte habe ich mich im Verlauf der Zeit sogar übertroffen.

Zufrieden hebe ich meinen Blick. Die griesgrämige Schwermutswolke wiegt viel weniger schwer auf meinem Brustkorb. Lichtdurchflutet wäre übertrieben, dennoch fühlt es sich an, als brächen zaghaft Sonnenstrahlen durch das Dunkel des Trübsinns. Da, wo Schlechtwetter und Sonnenschein aufeinandertreffen, entsteht bekanntlich mit ein bisschen Glück ein Regenbogen und, das wissen wir alle, an dessen Ende findet sich ein riesengroßer Topf voller Gold. Ich mag Glück. Und Regenbögen. Und Gold.

Von meiner Rückschau positiv gestimmt, greife ich nach meinem Laptop und durchforste das World Wide Web nach Inspirationsquellen. Schon nach kurzer Zeit gebe ich eine Auswahl von Bildern in Postkartengröße in Auftrag und bestelle mir diese nach Hause. Die werden sich super als Collage an meiner Pinnwand machen! Offensiv im Flur platziert, kann ich so regelmäßig im Vorbeigehen einen Blick auf meine Wunschbilder werfen.

Motiviert von dieser Vorstellung, greife ich zu meinem Kalenderbuch und zücke die mit bunten Stiften vollgepackte Federtasche. Punkt für Punkt strukturiere ich die kommenden Tage, indem ich Notwendiges und Spaßiges in den einzelnen Spalten aufliste. Aktivitäten, die ich mit Vorliebe ausübe, unterlege ich gelb, Hobbies, die ich mehr in mein alltägliches Leben integrieren möchte, rosé, Weiterbildungen grün und Sport plane ich bereits im Voraus mit der Farbe blau ein. Ergänzend skizziere ich vor jedem Punkt ein kleines Kästchen, dass ich nach Erledigung der jeweiligen Aufgabe ganz entspannt abhaken kann. Es mag seltsam klingen, aber das Gefühl, am Ende des Tages mit leichtem Druck den finalen Haken auf das Papier zu übertragen, stimmt mich jedes Mal aufs Neue glücklich.

Gelassen vergrabe ich mich ein Stück weiter in den samtigen Polsterstoff meiner Couch. Mit einer Hand streife ich die verbliebenen Chips-Krümel von der Oberfläche meiner Wolldecke. Wohlig ziehe ich ihren Saum bis zu meiner Nasenspitze und denke: „Aber die Bucket-List, die schreibe ich sicher nicht.“

Es gibt keinen besseren Moment als jetzt

„… Wünschen wir Ihnen eine ruhige und besinnliche Weihnachtszeit im Kreise ihrer Lieben.“, lese ich auf der alljährlichen Weihnachtskarte einer meiner Geschäftspartner*innen. Ich muss schmunzeln. Jedes Jahr wieder kommt mir diese Floskel banal und abgedroschen vor. Dennoch trifft sie, vor allem in diesem besonderen Jahr, den Nagel auf den Kopf.

In ruhigen Momenten sinniere ich darüber wie mein Weihnachten und Silvester die letzten Jahre ausgesehen haben: Als Kind einer, heutzutage längst nicht mehr unüblichen, Patchwork-Familie bin ich es gewohnt eher „Fröhliche Weihnacht überall“ anstelle von „Stille Nacht, heilige Nacht“ zu zelebrieren. So darf ich mich glücklich schätzen, sehr viele Menschen um mich zu wissen, denen ich, grade zur Weihnachtszeit, meine Zeit schenken möchte. Das bedarf vor allem zweier Dinge, guter Organisation und Kaffee. Jeder Menge Kaffee.

Den Coffee To Go-Becher fest mit der linken Hand umklammert fahre ich zu meiner Mutter, den diesseitigen Großeltern, anschließend zu meinem Vater, klappere meine Geschwister ab, Neffen und Nichten will ein Besuch abgestattet werden, die Schwiegereltern dürfen nicht außen vor bleiben und auch Schwager und Schwägerinnen planen ein großes Beisammensein. Dazu noch ein Treffen mit den besten Freund*innen, die herrlich nostalgisch einen Teil der Feiertage in „der alten Heimat“ verbringen und dazwischen fünfundvierzig Festtagsgrüße die ich, möglichst individuell gestaltet und personalisiert, per WhatsApp an alle weiteren Freund*innen und Bekannte versende. Schließlich ist Weihnachten, hier wird niemand zurückgelassen.

Bei all dem Trubel klingt es mir in den Ohren: „Es ist doch schön, wenn wir alle mal wieder zusammenkommen. Das macht man ja sonst so selten.“ Schön, das ist es, keine Frage.

Dennoch bleibt eine traurige Wahrheit: Während ich versuche all den lieben Menschen in meinem Leben (und seien wir ehrlich, dabei vor allem meinen eigenen Ansprüchen) gerecht zu werden, indem ich zwischen Adventskaffee, Weihnachtsbrunch und Raclette von A nach B hetze, verbringe ich im Grund die meiste Zeit an einem ganz anderen Ort – in meinem Auto. Einen Großteil der Strecken alleine, einige Fahrten gemeinsam mit meinem Mann und wenige Routen mit Teilen der Familie die wir „vielleicht doch noch einsammeln müssen“. Eines aber hat jede Autofahrt gemein, meistens auf den letzten Drücker, die Zeit mit jedem Blick in den Rückspiegel ein Stück weit näher im Nacken.

Spät abends, hinter verschlossener Haustür, bin ich zwar jedes Mal freudig alle gesehen zu haben, vor allem aber erschöpft und müde, gedanklich bereits den Zeitplan für den Folgetag durchgehend und sehne mich nach meinem Bett. Einerseits bin ich stolz vor Ort in lächelnde Gesichter geblickt zu haben, andererseits schwingen Sätze in mir fort wie „Musst du denn wirklich schon wieder gehen?“ oder „Vielleicht hast du ja beim nächsten Mal ein bisschen mehr Zeit…“.

Taten sagen mehr als Worte. Soweit so gut denke ich, schließlich bemühe ich mich allen zu zeigen, wie viel sie mir bedeuten, indem ich von Weihnachten bis Neujahr durch halb Deutschland kurve. Dumm nur, wenn sich rausstellt, dass die eigentliche Tat darin besteht, nie den präsenten Moment mit den mir wichtigsten Menschen zu genießen, sondern gedanklich immer schon wieder den Fuß aufs Gaspedal zu setzen, um verlorene Minuten einzuholen. Wenn das Getane bedeutet, den Liebsten nicht die Aufmerksamkeit zu schenken die sie es wert sind zu erhalten und wenn der Zeitdruck keinen Raum für die wirklich bedeutsamen Worte lässt.

Weihnachten und Silvester sind dieses Jahr anders.

Es sind nicht nur Gesetzesauflagen, die uns Corona bedingt bereits in der Vorweihnachtszeit einen Strich durch die Rechnung machen, es sind auch die Ängste unserer Mitmenschen, die ein Beisammensein erschweren.

Der Zugewinn den ich in der Vorweihnachtszeit daraus ziehe ist Zeit. In aller Ruhe verbringe ich die sonst so geschäftigen Tage damit Plätzchen zu backen und Kekstütchen zu packen. Mit Stoffen und Textilmarkern kreiere ich persönliche Weihnachtspräsente. Außerdem genieße ich die Ruhe Grußkarten selbst zu basteln, nahezu meditativ mit Aquarellstiften über den Karton zu streifen und die kleinen Kunstwerke abschließend, jedes für sich, zugeschnitten auf die Empfänger*innen zu verzieren. Rechtzeitig abgeschickt finden die Geschenke ganz entspannt per Post ihren Weg zu meinen Liebsten. Im Schein des Weihnachtsbaumlichts, bei Keksen und einer Tasse Tee führe ich währenddessen die schönsten Telefongespräche mit Freund*innen und Familie. Wir reden darüber wie es uns geht und was uns derzeit bewegt. Wir teilen einander mit wie sehr wir das Beisammensein vermissen und dass wir uns gegenseitig brauchen. Dinge für die es das erste Mal Zeit zu geben scheint.

Die Feiertage verbringe ich schließlich mit meinen Eltern. Wir sitzen gemeinsam am Esstisch, spielen in gemütlicher Runde bei Snacks und Getränken Karten, lümmeln auf der Couch und tauschen neben Geschenken Erinnerungen und Geschichten unterm Weihnachtsbaum aus. Zurück in meine vier Wände fahre ich, wenn die letzte Kerze ausgebrannt, das letzte Plätzchen gegessen und der letzte heiße Kakao getrunken ist.

Dieses Jahr lasse ich Taten sprechen, ohne dabei Worte einzubüßen.

2020 ist deutlicher denn je wie wichtig gesunde, aufrichtige Kommunikation ist, gegenüber anderen genauso wie dir selbst. Dabei ist nicht nur von Bedeutung was wir zueinander sagen, es geht auch darum wie wir miteinander sprechen, darum einander Raum zu geben. Es geht darum sich gegenseitig wahrzunehmen, dein Gegenüber zu sehen und damit zu respektieren. Zurückblicken, nichts anderes bedeutet das aus dem Latein kommende „respectare“. Und egal wie sich das diesjährige Weihnachtsfest oder der Jahreswechsel für dich gestalten, ob du es in kleiner Runde mit Familie oder Freund*innen zelebrierst, ob du zweisam unterm Tannenbaum Geschenke öffnest oder ob du mit dem wichtigsten Menschen der Welt, mit dir selbst Wunderkerzen entzündest, gib dir und deinen Mitmenschen den Raum den ihr verdient.

Es gibt keinen besseren Moment als jetzt.

Schatten der Leidenschaft

Lockdown – ein kleines Wort, das gut und gerne als Titel einer Netflix-Produktion herhalten könnte. Augenscheinlich geht es um Regierungsbeschlüsse, das Regime, welches mehr oder minder willkürlich über Offenbleiben und Schließung von Pforten entscheidet und um Grundrechte, deren vermeintliche Beschneidung auf einer Vielzahl von Kanälen debattiert wird.

Alles Rahmenbedingungen, die reichlich Futter für postapokalyptische Szenarien bieten, wenn auch nur an der Oberfläche kratzend. Umstände, die mit all ihrer brachialen Gegenwärtigkeit dennoch eine Kulisse für viel tiefgehendere unter der äußeren Haut wabernde (Bild-)Sequenzen schaffen. Denn während die Schließung der Pforten in aller Munde ist, so ist doch die viel wichtigere Frage: Was spielt sich dahinter ab? Wie gestaltet sich das Leben hinter den Türen? Was geht in den Köpfen vor sich?

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Von den ersten wolkengedimmten Strahlen der Herbstsonne geküsst vergrabe ich mich, leichte Gänsehaut an den Beinen, noch einmal tiefer in meiner Bettdecke. Die Beziehung zu meinem Wecker ist von Ignoranz durchzogen, nichtsdestotrotz streckt er mir, wohlmöglich genau deswegen, höhnisch sein auf halb acht nahezu eingefrorenes Ziffernblatt entgegen. Diese Momentaufnahme entbehrt nicht einer gewissen Ironie, in Anbetracht der im Normalfall wiederkehrend gedrückten Snooze-Taste. So sehr ich mich im Alltäglichen über die frühen Morgenstunden ob des mir bevorstehenden Tages freue, so quälend zähle ich in meinem Kopf bereits die Stunden, die es braucht, bis ich mich halbwegs guten Gewissens mit einem viel zu kalorienlastigen Essen wieder auf der Couch einbetten kann. Witzig, normalerweise ist es andersrum. Relevant sind sonst die rar gesäten übrigen Stunden Schlaf, bevor ich in den neuen mit Aktivitäten gespickten Tag starte.

Mit müden Knochen schlurfe ich gen Küche, um den Tag mit frisch gebrühtem Kaffee zu starten. Gewisse Routinen sind es schließlich wert gepflegt zu werden. Findet meine Mutter übrigens auch. Während ich Frühstück zubereite, ruft sie mich bereits auf dem Handy an. „… Zumindest bist du schon aufgestanden. Reiß dich bitte zusammen, irgendwann arbeitest du wieder voll!“, schwingt es vorwurfsvoll aus ihrer Stimme. Ich seufze: „Mama, es ist Tag eins!“, wohlwissentlich, dass Argumente in diesem Fall wirkungslos sind. Diverse Appelle und eine Vielzahl gut gemeinter Ratschläge später räume ich schweren Schrittes den Tisch ab und überlege mir, wie ich den Tag weiter bestreite.

Ich zupfe einige Minuten unbehände an meiner Gitarre, bis der Anruf meiner Cousine mich (und die Nachbarn) von meinen dilettantischen Spielversuchen erlöst. Wir reden viel und lange. Vor allem darüber, was die „aktuelle Zeit“, wie Corona so oft sprachlich umschifft wird, mit uns macht und welche Gefühle das freisetzt. Immer wieder betonen wir, dass wir natürlich auf total hohem Niveau jammern und es uns eigentlich super geht. Gerade auch mit der freien Zeit, die man schließlich sonst nicht hat und die man jetzt richtig schön zum Runterkommen nutzen kann. Das rede ich mir auch später noch ein, während ich eine Runde Skateboard fahre, das gefühlt 25ste Essen versalze (weil ich bereits im ersten Lockdown keinen Zugang zu meinem inneren Tim Mälzer gefunden habe), während ich bei lauter Musik durch die Wohnung tanze, während ich mich davon ablenke, mir Zeilen für diesen Blogbeitrag zu überlegen, während ich Handstand an meiner Flurwand übe, während ich mich selbst davon abhalte, die Wohnung zu putzen, während ich jogge, um meine Gedanken zu ordnen und während ich überlege, was ich eigentlich alles kann. Ich denke daran, während ich mir die Frage stelle: In welche Leidenschaft könnte ich mich reinstürzen?

Die ernüchternde Wahrheit: Ich weiß es nicht. Das hat weniger mit einem angeknacksten Selbstbewusstsein oder einer verspäteten Quarterlife Crisis zu tun, als es jetzt vielleicht wirkt. Ich beobachte die Menschen in meinem Umfeld und stelle fest, wie sie in ihren Leidenschaften aufgehen. Der eine verbringt Stunden damit, sich mit Musikinstrumenten auseinanderzusetzen, der nächste ist kaum vom PC wegzukriegen und tüftelt an Videoprogrammen und wieder eine andere versinkt in Bergen von Literatur oder genießt es, ihren Körper gefühlt 24/7 mit Sport zu betätigen, nur so – aus Leidenschaft. Nichts von all dem kann ich mir auf die Fahne schreiben. Meine Aufmerksamkeitsspanne bezüglich Hobbies gleicht der eines Eichhörnchens. Viel zu viel gibt es, was mich begeistert und ausprobiert werden will. Es gibt nicht DIESES EINE GROßE DING, schon gar keines, das sichtbaren Mehrwert generiert. Meine Leidenschaft ist meine Arbeit und das wiederum sind Menschen und Kommunikation, am besten aus nächster Nähe. Mit Menschen zusammen sein, darin bin ich gut. Ich kann gut Kontakte knüpfen, Menschen miteinander verbinden, bin super darin unterwegs zu sein, anderen etwas beizubringen, sie zum Lachen zu bringen oder ihnen ihre persönlichen Stärken aufzuzeigen. Das ist meine Arbeit und ja, vielleicht habe ich damit auch eine Leidenschaft und vielleicht kann ich sogar was, nur eben leider nicht allein.

„… Zumindest bist du schon aufgestanden. Reiß dich bitte zusammen, irgendwann arbeitest du wieder voll!“, erwischt mich erneut, diesmal aus meinem Hinterkopf klingend, die Stimme meiner Mutter. Wenn ich mich konzentriere, verliert der vorwurfsvolle Unterton an Intensität, mit ein bisschen Fantasie klingt daraus sogar ein wenig Motivation. Weiß ich deshalb wie ich meine Passion zu etwas im Jetzt Sinnbringendem für mich transformieren kann? Noch lange nicht. Immerhin sitze ich schon einmal hier und tippe aus all dem Gedankenwust einen Blogbeitrag. Das Kochbuch tausche ich gegen die Speisenkarte des nächstgelegenen Lieferdienstes ein, so haben wir beide was davon. Ich gehe nochmal joggen, um meine Gedanken zu ordnen. Während ich tanzend Wäsche sortiere, klingt aus meinen Kopfhörern „Systemrelevant – Ein Mini Musical von zu Hause“(Link). Im Gegensatz zu den Darstellern kann ich nicht einmal singen, aber wisst ihr was? Meine Bühne hol ich mir trotzdem zurück! Wie? Keine Ahnung. Aber bis ich es herausgefunden habe, findet ihr mich im Flur – Handstand üben.

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Lockdown – ein kleines Wort, das gut und gerne als Titel einer Netflix-Produktion herhalten könnte. Unabhängig davon was hinter verschlossenen Türen, abseits von öffentlichen Einrichtungen und Seminarräumen in den einzelnen Köpfen vor sich geht, haben all die inneren Dialoge doch eins gemeinsam: Sie alle bedeuten Kommunikation. Und die ist bekanntlich der Schlüssel zum Erfolg.

Small Talk

Haben wir uns nicht damals bei diesem Seminar gesehen?“

Kommunikation bedeutet in Beziehung zu treten.
Das ist super einfach, wenn wir unser Umfeld kennen und bereits miteinander vertraut sind. Gespräche fallen uns dann leicht und in der Regel bedarf es keines besonderen Aufhängers, um eine Unterhaltung in Gang zu bringen. Ich behaupte wir kennen das alle, Du triffst eine/n langjährige/n Freund/in nach Monaten wieder und es fühlt sich an, als sei euer letztes Treffen erst einige Tage her. Ihr kommt rasend schnell ins Gespräch, tauscht Erlebnisse und Begebenheiten im Wechselspiel aus, ohne dabei Notiz davon zu nehmen, wie die Zeit buchstäblich an euch vorbeizieht. So der Bestfall.

Jetzt stehen die Sterne in Sachen Begegnungen nicht immer ganz so günstig. Vielleicht kennst du das:
Du gehst durch den Supermarkt oder schlenderst über den Markt. Zunächst gedankenverloren blitzt plötzlich hinter dem Regal, zwischen Chips und Vollmilchschokolade, ein dir bekanntes Gesicht auf. Jetzt heißt es schnell sein! Die nächsten Sekunden entscheiden darüber, wie dein Einkauf weiterverläuft.


Variante 1:

Du senkst augenblicklich den Kopf und bückst dich vermeintlich suchend nach etwas imaginär auf den Boden gefallenen oder schenkst blitzschnell den im untenstehenden Regalfach platzierten Billig-Crackern Deine ungeteilte Aufmerksamkeit. Wenn Du Glück hast ist der Sturm, in Form der flüchtigen Bekanntschaft, in Kürze vorübergezogen und bis auf sicherstellende Blicke nach links und rechts, vor Abbiegen in den nächsten Gang, kannst du Deinen Einkauf ungestört fortsetzen.

Variante 2:

Du hältst den Blick nur ein my zu lang und die Augenpaare der Dir gegenüberstehenden Person und Dir erhaschen einander. Unwillkürlich nimmst Du sich hebende Mundwinkel auf der anderen Regalseite wahr und wie sich unfreiwillig auch auf Deinem Gesicht ein zögerliches Lächeln formt. Ihre hebt beide mehr oder minder zaghaft die Hand zum Gruß und spätestens, wenn die plötzlich so erwartungsschwangeren Worte „Hey, na Du! Wie geht’s Dir?“ an Dein Ohr klingen, dann weißt Du – Jetzt heißt es Smalltalk!


Anhand der eben genannten Beispiele erkennst Du vielleicht schon, dass Smalltalk nicht unbedingt als das Sahnebonbon der zwischenmenschlichen Kommunikation verschrien ist. Aber warum ist das eigentlich so und wofür ist Smalltalk vielleicht sogar sehr nützlich?

Die Definition von Smalltalk ist laut deutschem Duden „leichte, beiläufige Kommunikation“. Zusätzlich findest Du in anderen Quellen dahinterstehend noch die Ergänzung „ohne Tiefgang“. Ergo kratzen wir im klassischen Smalltalk informativ an der Oberfläche. Im Grunde genommen wird nur das (Un-)Nötigste ausgetauscht. Ein kurzer Check-Up der Befindlichkeiten, „Arbeitest Du immer noch bei xy?“, „Hast Du gestern das Spiel PSG 0:1 FC Bayern gesehen?“,… was man halt auf die Schnelle so fragt. Aber wer glaubt, das bedeutet automatisch, dass hinter dem Gespräch kein aufrichtiges Interesse steckt, der möge an dieser Stelle noch einmal in sich hineinhorchen. Welche Gründe sprechen zum Beispiel dafür ein Gespräch eher peripher zu halten?


Da wäre beispielsweise die Tatsache, dass Bekanntschaften durchaus flüchtig sein können. Vielleicht habt ihr mal in derselben Straße gewohnt oder seid vor Jahren gemeinsam zur Schule gegangen. Oftmals betrifft Smalltalk Menschen, mit denen Du wahrscheinlich zwar eine gewisse Zeit Deines Lebens geteilt hast und mit denen Dich durchaus eine gewisse Sympathie verbunden hat, so zumindest im günstigsten Fall, mit denen es häufig aber nicht zu mehr als der sporadischen Bekanntschaft gereicht hat. Aus Gründen. Auch im Zeitalter der privaten Offenlegung über Social Media achten wir doch darauf welche Vorstellung von uns und vor allem wie viel wir davon nach außen vermitteln. Nicht jeder erhält schließlich ohne Weiteres den Schlüssel zu Deinen größten Geheimnissen, oder?


Gleiches gilt übrigens im Berufsleben. Wie viel Zeit bleibt Dir beispielsweise, vorausgesetzt Du hast einen Bürojob, in der Regel zwischen dem letzten Telefonat und dem nächsten Geschäftstermin? Genau, meistens die Zeit während Du in der Firmencafeteria mit anderen Kollegen Schlange stehst oder der Inhalt des Kaffee-Vollautomaten sich in Deine Tasse ergießt. Für tiefgründige Prosa bietet sich an der Stelle nicht sonderlich viel Spielraum. Mit kurzen Plattitüden à la „Mensch, dann wollen wir mal hoffen, dass das Wetter zum Feierabend wieder besser aussieht.“ sieht das schon wieder anders aus. Magst Du Deine Kollegen deshalb weniger? Ich tippe mal in den meisten Fällen lautet die Antwort „Nein“, auch wenn Ausnahmen die Regel sicherlich gerne mal bestätigen.

Und wer sagt, dass ein solches Geplänkel nicht auch der Türöffner für weitaus intensivere Wortwechsel sein kann? Schließlich sind Beziehungen zwischen Menschen wie heranwachsende zarte Pflänzchen, die gepflegt werden wollen. Nichts anderes ist Smalltalk. Also kein Pflänzchen, sondern mit Menschen in Beziehung zu treten. Und genau darum geht es, wir knüpfen Bande. Diese können Dir im Übrigen, über das reine Miteinander hinaus, ungemein nützlich sein. Nicht umsonst gibt es heutzutage sogar eine Berufsbezeichnung „Netzwerker“.

Was auf den ersten Blick klingt wie ein Spartenberuf aus der IT-Branche bedeutet letztlich nur, dass eine Person besonders gut darin ist andere Menschen aus gleichen, teils unterschiedlichen Branchen zusammenzubringen, so dass diese ihre Potentiale bündeln, um letztlich zu einem gemeinsamen, oftmals höheren Ziel zu gelangen, welches alleine voraussichtlich nicht umzusetzen wäre.
Smalltalk gibt uns das Gefühl einander näher zu sein und unseren Gegenüber in gewissem Maße zu kennen. Dadurch entsteht ein Stück weit Vertrautheit und seien wir mal ehrlich, mit wem arbeitest Du lieber zusammen, jemand völlig Fremden, der Dir über die Suchmaschinenfunktion angezeigt wurde oder jemandem, dem Du schon einmal auf der Grillparty eines befreundeten Geschäftskunden bei kaltem Bier und Cocktailtomaten die Hand geschüttelt hast? Wo hilfst du eher spontan die neue Couch ins Wohnzimmer zu manövrieren, bei Fremden von der gegenüberliegenden Straßenseite oder bei den netten neuen Nachbarn/Nachbarinnen, die sich kürzlich mit einer Einladung zur Einweihungsfeier bei Dir vorgestellt haben?

Eine Hand wäscht die andere.“ lautet das kommunikationsfreudige Unterstützer-Prinzip, aber eben nur wenn man sich kennt. Also ganz gleich ob in der Bäckerei um die Ecke, bei der Du morgens frische Brötchen holst oder ob Vorstandschef eines potentiellen Großkunden, schüttle metaphorisch (Corona-konform) mal wieder ein paar Hände, nutze Smalltalk als Bindeglied, interessiere Dich für Deine Mitmenschen, komm mit Ihnen ins Gespräch und finde heraus was ihnen Spaß macht oder genieß einfach die gemeinsame gedankliche Auszeit dank Geplänkel. So oder so schaffst Du Konnektivität, denn zusammen ist man bekanntlich weniger allein und gemeinsam sind wir stark!

Du bist der Durchschnitt …

…der fünf Menschen, mit denen Du Dich die meiste Zeit umgibst. So zumindest lesen wir es regelmäßig in Büchern oder hören es, viel zitiert, in Vorträgen zum Thema Persönlichkeitsentwicklung.

Puh, bei 523 Facebook-Freunden gar nicht so einfach rauszufiltern, wer da den Rahmen bildet. Okay, da sind wohlmöglich unsere Arbeitskollegen, denen wir täglich begegnen oder unsere Familie, die wir regelmäßig sehen, aber sind das wirklich die ausgeprägtesten Kontakte unseres alltäglichen Lebens?

Sind es wirklich unsere Mitmenschen, mit denen wir den Großteil unseres Tages fristen? Also wirklich, in echt, von Angesicht zu Angesicht und in 3D? Ich behaupte nein.

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Morgens, 6:00Uhr. Der Wecker klingelt. Das eindringliche Piepen aus der gegenüberliegenden Zimmerecke nötigt mich dazu, meinen Körper in die Senkrechte zu bringen und mit ersten, wenig eleganten Schritten den Tag zu beschreiten. Mit noch halb geschlossenen Augen fuchtle ich nach dem kleinen Nervtöter und drücke die Alarmtaste des Weckers bestimmt nach unten.  Zumindest war es früher so. 

Heute tönt mir ein Potpourri aus zunächst sanft ansteigendem Vogelgezwitscher, übergehend zu übermotivierter Gute-Laune-Musik aus den Lautsprechern meines IPhone entgegen, Schlummertasten-Abo inklusive. Noch vorm Zähneputzen weiß ich, was vermeintlich in den Leben meiner guten Freunde, der weniger guten Bekannten und der hochgeschätzten Z-Promi-Gesellschaft vor sich geht.

Wo früher die Tageszeitung ihren Platz fand, habe ich heute die Hände frei, um durch Facebook und Instagram zu scrollen, während „Alexa“ mich auf die mir bevorstehenden Wetterverhältnisse vorbereitet und mich über das Alltagsgeschehen informiert. Jetzt noch schnell vor dem Aufbruch zur Arbeit auf der Smartwatch das zu erreichende Bewegungs-Tagesziel überblicken und schon kann der Tag starten.

Während der Autofahrt bietet es sich super an Hörbüchern oder Podcasts zu lauschen, wenn nicht grad die Lieblings-Playlist durch das Wageninnere hallt. Das Handy lädt ja glücklicherweise schon durchs Ablegen auf der Armatur, da können die Apps munter Akkuvolumen ziehen, ohne dass es mich stört.

Im Zweifel stecke ich das Ladegerät noch einmal auf der Arbeit ein, denn da sitze ich glücklicherweise sowieso am Rechner und habe den vollen Überblick. Sollte ich doch mal von meinem Platz wegmüssen, gibt es inzwischen zusätzlich tragbare Telefone oder eben das Firmenhandy, dass ich immer bei mir trage. Das spart zum einen Zeit und ich muss zum anderen nicht ständig durch die Etagen laufen, um mich mit jemandem zu unterhalten. Am unmissverständlichsten ist das meiste ja sowieso schriftlich geklärt. Spätestens zur Mittagspause sitzen wir dann eh zusammen.

Apropos Mittagspause… kleinen Moment, ich muss kurz ins System und mein Essen für später bestellen.
Hoppla, das war knapp. Sonst hätte ich in die Küche gemusst, um mit den Damen vom Service zu sprechen. Die haben sicherlich auch besseres zu tun.

Jetzt kann ich erstmal entspannt weiterarbeiten. Vor dem Mittag noch einen Zoom-Call (Corona sei Dank, andernfalls wäre ich sicherlich zwei Stunden mit der Bahn unterwegs gewesen, um schließlich den halben Tag mit einem Dutzend weiteren Leuten im Schulungsraum zu sitzen) und dann mit den Kollegen in die Pause.


Im Kräutergarten, an der frischen Luft, lässt sich herrlich abschalten. Außerdem ist der Empfang dort besser, so kann ich zwischendrin die ganzen aufgeploppten Nachrichten beantworten. Wahnsinn was da jedes Mal zusammenkommt. Manchmal frage ich mich, was die Leute den ganzen Tag über machen?

Der Nachmittag vergeht weitestgehend ruhig. Insgesamt 28 Mails und 16 Anrufe später, höre ich auf meinem Fahrersitz Teil zwei der angefangenen Podcast-Folge und überlege, dass ich eigentlich noch im Supermarkt einkaufen sollte. Für heute ist mir das glaube ich zu viel, also fahre ich an der Abbiegung gradewegs vorbei und schlage den Weg nach Hause ein.


Die Waschmaschine hatte ich per App wohlwissentlich schon vorab getimt, so muss ich mich wenigstens darum nicht mehr kümmern. Außerdem habe ich eine Benachrichtigung aufs Handy gekriegt, dass mein Paket angekommen ist, sicher verwahrt am, mit der Post ausgemachten, Ablageort. Jetzt nach der Arbeit hätte ich auch keine Lust mehr noch in der Postfiliale Schlange zu stehen und sich gegenseitig mit anderen auf die Pelle zu rücken. Früher hat der Nachbar die Pakete noch manchmal angenommen, aber bis man da zueinander gefunden hat…


Außerdem ist der Tag schon lang genug und das Klingeln verpflichtet ja doch irgendwie immer zum Small Talk. Diese Zeit nutze ich jetzt und freue mich darüber die angelieferten Sachen anzuprobieren. Bis ich damit durch bin, ist sicher auch die Pizza geliefert, die ich noch schnell über den Online-Lieferdienst geordert habe. Sogar Trinkgeld kann man inzwischen per PayPal zahlen!

In Jogginghose und Wollsocken geschmissen mache ich es mir auf der Couch bequem. „Alexa, mach Netflix an.“
Wofür ich GEZ-Gebühren zahle, kann ich spätestens seit Inbetriebnahme meines SmartTVs zwar nicht mehr sagen, aber mit viel eigener Überzeugungsarbeit sehe ich es einfach als Beteiligung am großen Ganzen. Man spendet sowieso viel zu selten. Das Schöne am SmartTV ist jedenfalls, dass der Laptop jetzt sogar parallel für mich nutzbar ist, so kann ich nebenbei schonmal die Retoure für mein Paket veranlassen, alles behält man ja meistens doch nicht.


Neben dem Serie gucken lässt es sich noch dazu super durch die Onlineshops scrollen. Zwischendurch tausche ich ein paar Sprachnachrichten mit Familie und Freunden aus. Man sieht sich halt auch einfach zu wenig.
Na ja, zumindest sagt mir meine Smartwatch, dass ich die 10.000 Schritte mal wieder geknackt habe – Tagesziel erreicht.

So langsam werden die Augen müde und ich kann mich dazu aufraffen meinen Körper vom Sofa ins Bett zu manövrieren. „Vielleicht lasse ich zum Einschlafen noch eine Doku übers Handy laufen.“, denke ich mir und stelle den Timer.

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Sind es wirklich unsere Mitmenschen, mit denen wir den Großteil unseres Tages fristen? Also wirklich, in echt, von Angesicht zu Angesicht und in 3D?

Du bist der Durchschnitt dessen, mit dem Du Dich die meiste Zeit umgibst. Du allein hast die Wahl, ob das Handy, Computer, Smart Speaker, Fernseher und Smartwatch sind, Tolkien, Kafka, Goethe, Twain und Freud oder eben Deine Liebsten.

Ich hab da so ein Gefühl …

Zunächst mal – Herzlichen Glückwunsch!

Jetzt mal ernsthaft, die Tatsache, dass Du Gefühle empfindest bedeutet immerhin schon mal, dass Du lebst. Und hey, darauf lässt sich doch schon mal ziemlich gut aufbauen oder was meinst Du?

Im letzten Post (https://rummelimkopf.com/2021/03/23/es-war-einmal/) habe ich Dir verraten wie es mir geht, was mich beschäftigt und was das mit mir macht. Vielleicht hast Du das Gleiche für Dich getan. In diesem Fall: Danke für Deine Offenheit! Im nächsten Schritt kommen wir der Sache noch ein ganzes Stück weiter auf die Spur.

Falls Du Dir Deine Zeilen noch nicht weiter angesehen hast oder ein bisschen Zeit, seitdem Du sie geschrieben hast, vergangen ist, mach es Dir gemütlich, kuschle Dich ein, nimm Dir eine Tasse Tee oder was immer Du brauchst, um Dich rundum wohlzufühlen. Genau jetzt ist der richtige Moment sie Dir noch einmal vor Augen zu führen und in Dich hineinzufühlen.

Wenn Du Deine Geschichte gelesen hast, Wort für Wort, was macht das mit Dir?

Schließ gern auch einmal Deine Augen, atme tief ein und aus und entspanne Dich dabei mehr und mehr. Denk zurück an Deine Situation, begib Dich mental in den Moment und nimm mit jedem Atemzug wahr was in Dir vorgeht.

Wenn es Dir leichter fällt, stell Dir vor wie Du Dich selbst beobachtest und betrachte die Situation in aller Ruhe von außen, immer in dem Bewusstsein völliger Sicherheit, dass Du liegst oder sitzt wo Du dich wohlfühlst, wo es Dir gut geht und dass Du jederzeit Deine Augen öffnen kannst.

Nimm Dich und Deine Umgebung mit all Deinen Sinnen wahr. Auch ich habe mir das zur Aufgabe gemacht, meine Situation noch einmal aus allen Blickwinkeln betrachtet und mich mit all meinen Emotionen auseinandergesetzt. Welche Emotionen das waren, will ich Dir hier erzählen:

Wut
Aggression
Unruhe
Liebe
Dankbarkeit
Angst
Hilflosigkeit
Traurigkeit
Einsamkeit
Verzweiflung
Enttäuschung
Stolz
Befreiung
Schwäche
Stärke
Melancholie
Machtlosigkeit
Mut

Mit Emotionen ist das so eine Sache. Wir haben viele davon. Unzählige. Vorausgesetzt wir lassen sie zu. Und jede einzelne von ihnen ist (ein) Teil von uns.

Im NLP (Neuro Linguistisches Programmieren) findest Du das sogenannte Teile-Modell. Dieses Modell lebt von genau dieser Annahme, nämlich dass Du aus mehreren Teilpersönlichkeiten bestehst. Jeder Bestandteil für sich ist großartig und möchte nur das allerbeste für Dich. Problematisch wird es nur dann, wenn die unterschiedlichen Teile miteinander in Konflikt geraten. Alle mit dem Grundgedanken, dass es Dir gut geht, in der jeweiligen Umsetzung oftmals aber sehr unterschiedlich und manchmal sehr konträr agierend.

Um etwas mehr Klarheit in Deine Gefühlswelt zu bringen, setze Dich nun mit jedem Emotionsteil etwas näher auseinander.

Die Aufsplittung Deiner Emotionen ermöglicht es Dir die Ursache hinter dem Symptom ausfindig zu machen und zu verstehen, welche Gefühle wirklich hinter Deinen Emotionen stecken.
Dafür teilst Du sie auf in die vier übergeordneten Grundgefühle: Wut, Traurigkeit, Freude und Angst.

Was Deine Gefühle angeht verhält es sich im Übrigen wie mit den Emotionsteilen. In Konflikt unverantwortlich sind sie in Reinform wiederum der absolute Hammer!

Jetzt fragst Du Dich vielleicht was an Wut, Traurigkeit oder Angst hammermäßig sein soll? Dazu vielleicht ein anderes Mal mehr.

Fakt ist, in Reinform kannst Du mit Deinen Gefühlen Welten bewegen!

Hier aber noch einmal was passiert, wenn sie sich vermischen. Anhand einer weiteren Grafik möchte ich Dir das Ganze näherbringen:

  1. Wenn Wut und Traurigkeit sich vermischen kann dies beispielsweise in Depressionen münden.
  2. Traurigkeit gepaart mit Angst kann zu Verzweiflung und/oder Einsamkeit führen.
  3. Freude und Angst können in Verbindung Leichtsinn hervorrufen.
  4. Wenn Wut und Freude ihre Wege kreuzen, kann daraus Schadenfreude entstehen.

Die Bandbreite an Gefühlcocktails (und daraus entstehenden Emotionen) ist schier unendlich. Je mehr Gefühle sich miteinander vermischen desto schwieriger lassen sie sich für uns trennen und im Einzelnen betrachten. Überforderung stellt sich ein. Sprachlich bezeichnen wir so etwas oftmals als gefühlte Leere, das alles „irgendwie wirr“ ist oder äußern Sätze wie „Ich kann grad einfach keinen klaren Gedanken fassen.“. Im schlimmsten Fall ist die Folge das, aus dem Arbeitskontext bekannte, Burnout bzw. der psychologische Zusammenbruch.

Genau deshalb ist es so wichtig, dass Du Dir Deiner Gefühle bewusst bist und verantwortungsvoll mit ihnen haushaltest.
Dafür solltest du die einzelnen Gefühle aber für Dich erstmal definieren.

Ich möchte Dir an dieser Stelle erzählen, wie ich das im Bezug auf meine Situation gemacht habe:

In mir tobt ein Sturm! Wenn Liebe so laut ist, dass am Ende nur noch Taubheit bleibt…


WUT – auf Dich

Du bist einfach weggegangen! Du hast mich allein zurückgelassen! Ich bin Dir egal! Wir sind Dir egal! Du bist so egoistisch! Die ganze Zeit über war ich für Dich da, damit wir sein können! Ich hab einfach alles getan! Habe so sehr gekämpft! Ich hab alles in meiner Macht stehende getan, damit es Dir gut geht, damit Du glücklich sein kannst, damit WIR (wieder) glücklich sein können!


WUT – auf mich

Wieso hab ich mir selbst so lange nicht zugehört? Weshalb war ich mir selbst nicht wichtig genug? Wieso konnte ich Dich nicht retten? Wieso konnte ich nicht der Schlüssel zu Deinem Glück sein? Und warum war ich so lange unfähig, dass zu erkennen? Wieso nur hab ich mir selbst dieses Glück nicht gegönnt?


TRAURIGKEIT

Mein Herz weint. Ich bin so unendlich traurig und weiß nicht wohin mit all meinen Tränen. Ich bin traurig darüber meinen besten Freund zu verlieren, meinen Mann, meinen Seelenpartner. Ich bin traurig Dich vielleicht nie wiederzusehen und traurig über die Angst es vielleicht doch zu tun.

Ich traure darum nicht Dein Glück zu bedeuten, um all die wunderbaren Momente und ich trauere um uns. Das was wir waren, das was wir sind und was wir immer sein wollten. Ich trauere darum, dass ich Dich liebe, darum dass Du mich liebst und dass Liebe, egal wie stark sie auch sein mag, manchmal einfach nicht reicht.


ANGST – um Dich

Mein Geist ist starr vor Angst. Wirst Du Dein Glück finden? Entscheidest Du Dich für das Leben? Bist Du stark genug, um gegen Deine Dämonen anzukämpfen?

Ich weiß nicht wie es Dir geht und ich hab Angst davor es zu erfahren.

Wer zeigt Dir jetzt wie viel Schönheit in den kleinsten Dingen steckt? Was wenn Du sie selbst nicht erkennen kannst? Ich hab Angst, dass Du Dich allein fühlst, Angst dass Du allein sein beschließt, Angst dass Du niemanden mehr an Dich ranlässt.

Ich hab Angst, dass Du von Leben enttäuscht wirst und ich hab Angst, dass ich dazu beitrage.


ANGST – um mich

Du hast mir so viele Dinge gegeben und mich so viel gelehrt. Ich weiß nicht, ob ich all das ohne Dich schaffe. Was wenn ich alles wieder vergesse? Ich hab solche Angst mich selbst zu vergessen! Und Dich! Was wenn all die Kraft, all mein Leuchten mit Dir verschwindet? Was wenn ich es nie wiederfinde?

Ich hab solche Angst, dass wir nicht glücklich werden und ich hasse mich dafür noch mehr Angst davor zu haben Dich glücklich zu sehen. Mit anzusehen wie Dir all das Gute zu Teil wird, das Du verdienst.


FREUDE

Ich liebe Dich! Ich liebe Dich und mich und alles was wir haben! Ich liebe das Band zwischen uns, jedes Lächeln und jede Träne. Das was wir haben und was wir uns all die Jahre gegeben haben kann ich mit Worten nicht beschreiben. Ich verspüre so viel Dankbarkeit für all die Prüfungen, all die wunderschönen Momente und die unzähligen Erinnerungen, die ich auf ewig im Herzen trage. Für mich ist deutlich geworden, dass Liebe so viel mehr ist als füreinander da zu sein. Sie ist fliegen zu können, dank guter Gedanken, sie ist Lachen, bis das Dir der Bauch wehtut und Sie ist Leben. Lebensfreude. Freude darüber, dass es dem anderen gut geht. Ich freu mich so sehr für Dich, dass Du die Chance nutzt Dein Leben zu leben. Darüber, dass Du die Möglichkeit nutzt Dein Glück zu finden und darauf den schelmischen Blick des fröhlichen unbeschwerten Lausbuben wieder in Deinen Augen aufflammen zusehen.

Außerdem bin ich aufgeregt die Welt mit neuen Augen zu bewundern, mehr meiner Intuition zu lauschen und meinem Bauchgefühl zu folgen. Ich freu mich darauf die Welt zu entdecken, Freundschaften zu knüpfen und einfach zu tun was mir geradewegs in den Kopf kommt.

Ich freu mich, dass wir einander immer haben werden.

Ich freu mich, dass wir Liebe leben!

Ich freu mich so sehr über uns!

Trau Dich ruhig Deine Gefühle etwas näher zu betrachten, höre in Dich hinein und spüre sie so gut es geht nach. Alle Gefühle in Ihrer Gesamtheit sind absolut okay, sie sind in erster Linie einfach nur da.
Erkenne sie als Dir zugehörig an und heiße sie willkommen, dankbar dafür, dass Du so viel empfinden darfst und vor allem in der Gewissheit, dass jedes Gefühl und jede daraus entstehende Emotion etwas Gutes für Dich bewirken möchten.

Es war einmal …

„Irgendwie geht’s mir gut
Und wir schaffen das schon
Weil ich’s nur so kenn‘
Zwischen Morgen und Moment
Frag mich wie’s mir geht
Ich sag‘ okay, okay“

Randale & Hurra; Querbeat

Ist Dir der Ausdruck „Floskel“ ein Begriff? Laut Duden bedeutet das Wort so viel wie „nichtssagende Redensart; formelhafte, leere Redewendung“.

Nach den oben geschriebenen Songzeilen kannst Du Dir vielleicht schon denken welche Floskel zu denen für mich mit am nervenaufreibendsten gehört. So flapsig wie wir gefragt werden „Wie geht’s?“ so lapidar antworten wir „Okay.“. Das machen wir regelmäßig, mehrfach am Tag und mit stetig wachsender Permanenz.

Jetzt denkst Du vielleicht ich lasse mich auf den folgenden Zeilen darüber aus, wie schlimm die sozialgesellschaftliche Entwicklung dahingehend fortgeschritten ist, dass die Leute nur noch fragen, ohne letzten Endes wirklich an der Antwort interessiert zu sein. Darüber bin ich hinaus. Etwas anderes bereitet mir an dieser Stelle viel mehr Kopfzerbrechen:

Wie oft schon hast Du, ohne darüber nachzudenken, mit „Okay.“ geantwortet?

Wann hast Du das letzte Mal in die wirkliche Antwort reingespürt?

Und woher weißt Du eigentlich noch wie’s Dir geht?

Wir sind so beschäftigt damit unser alltägliches Leben am Laufen zu halten und die uns zur Verfügung stehende Zeit effizient zu nutzen, dass wahre Befindlichkeiten oftmals gar keinen Platz mehr zwischen Pflichten, Socialising und Selbstverwirklichung finden.

Wir konditionieren uns im Außen so sehr auf das „Okay.“, dass unser Inneres zwangsläufig davon überzeugt wird. Ganz automatisch. Schließlich muss es so sein.

Nicht nur dass wir vergessen wahrheitsgemäß zu antworten, wir verlernen darüber hinaus uns selbst aufrichtig zu (hinter-)fragen.

Um über Deine aktuelle Situation, Deine Begrenzungen, Deine Box hinauszuwachsen ist es wichtig Dir ihrer bewusst zu sein.

Manchmal werden uns Dinge erst richtig klar, wenn wir sie schwarz auf weiß vor uns sehen.

Die folgenden Zeilen sind von mir, für Dich. Tu es mir gleich: Erzähl mir Deine Geschichte. Wie siehst Du deine aktuelle Situation? Was flüstern Dir Deine inneren Stimmen und vor allem: Wie geht’s Dir (damit)?

Vielleicht liest Du Dir Deine Worte anschließend noch einmal im Geiste vor, vielleicht sprichst Du sie noch einmal laut für Dich aus. Wofür immer Du Dich entscheidest – (Ich) Höre Dir zu.

Es war einmal…

Ich habe geliebt. Über 12 Jahre. Exzessiv und mit allem was ich hatte.

Dieser eine Mensch, er war bei mir und hat mir all seinen Glauben geschenkt. Wenn ich traurig war, hat er mir ein Lächeln auf mein Gesicht gezaubert. Wenn ich Angst hatte, hat er mir Mut zugesprochen. Wenn ich allein war, stand er mir zu Seite.

Der Mensch, der Dinge in mir gesehen hat, die ich selbst nicht vermochte zu erkennen. Wir erlebten zusammen die schönsten Momente und ließen gemeinsam das Unmögliche geschehen.

Das Lachen in seinen Augen bedeutete mir die Welt und sein grenzenloser Optimismus zündete Feuerwerke in den dunkelsten Stellen meiner Seele. Funken die in meinem Herzen loderndes Feuer entfachten. Wärme, die bis in die letzte Zelle meines Körpers vordrang und meine Synapsen tanzen ließ. Er war mein Peter Pan. Immer in der Gewissheit „Ich bin nicht allein.“.

Ein bisschen war es wie Laufen lernen. Ich war sooo schüchtern. Vom Boden aus träumte ich davon durchs Leben zu spazieren. Meine naiven Fantasien brachten mich immerhin zum Krabbeln – zumindest solange bis jemand zusah.

Irgendwann stand er plötzlich vor mir, breit grinsend über beide Ohren und reichte mir, ganz selbstverständlich, seine Hand.

Während er durchs Leben wippte, tastete ich mich Schritt für Schritt vor, um immer mal wieder das Gleichgewicht zu verlieren. Das war gut. Nach und nach lernte ich zu balancieren und das nicht jedes Straucheln auch den Fall bedeutete. Immer in der Gewissheit „Ich bin nicht allein.“.

Mit der Zeit wurden meine Bewegungen flüssiger und mein Abenteuersinn geweckt. Ich hopste über Steine und drehte Pirouetten, erst eine, dann immer mehr. Bis dass mir schwindelig wurde und ich seine Hand ergriff. Immer in der Gewissheit „Ich bin nicht allein.“.

Ich atmete tief durch, nahm all meine Kraft zusammen und irgendwann rannte ich los, einfach drauf los. Den Wind im Gesicht und die Sonne auf der Haut, bis mir die Beine brannten. Ich lachte, warf meine Haare im Wind und drehte mich freudestrahlend zu Dir zurück. Unvermittelt gaben meine Füße nach.

Du warst nicht mehr da.

Ich knickte um und brach zusammen. Hilflos. Verunsichert. Verloren. In der Gewissheit „Ich bin allein.“.

Seitdem liege ich hier und weiß nicht, wie es weitergehen soll, wie ich weitergehen soll. Das Feuerwerk ist der Dunkelheit gewichen, das Lachen verstummt und die Gedanken gelähmt.

Dieser eine Mensch, er war bei mir und hat mir all seinen Glauben geschenkt. Wenn ich traurig war, hat er mir ein Lächeln auf mein Gesicht gezaubert. Wenn ich Angst hatte, hat er mir Mut zugesprochen. Wenn ich allein war, stand er mir zur Seite.