Das Streben nach Glück

2021, wieder ein neues Jahr und damit jede Menge energiegeladener Vorsätze. So zumindest scheint es bei allen anderen.

Nicht, dass mir grundsätzlich nicht nach Selbstoptimierung wäre, die ein oder andere Auffrischung kann nie schaden, dennoch ist der Kelch dieses Mal, zumindest gefühlt, an mir vorbeigegangen. Noch vor der Jahreswende waren da sogar mehr oder minder ausgeprägte Ambitionen. Schließlich hatten wir alle im letzten Jahr aus nicht ganz ungekannten Gründen alle reichlich Zeit, uns über jene Ambitionen Gedanken zu machen. Ein Vision-Board, To-Do-Listen, die persönliche Bucket-List … eintausend Möglichkeiten, den eigenen Horizont zu erweitern, messbar Entfaltungsprozesse darzustellen und dem Stillstand die Stirn zu bieten.

Dennoch sitze ich, eingekuschelt in einer überdimensionalen Wolldecke inklusive drauf liegengebliebener Chips-Krümel auf meinem Samt bezogenen Sofa und lasse die ersten Tage des noch jungen Jahres wie benebelt an mir vorbeiziehen. Aus dem Waschraum schreit förmlich die vor Tagen angestellte Wäsche nach Erlösung, aus der Trommel befreit zu werden. Den laufenden Fernseher strafe ich seit ebenso langer Zeit mit halber Aufmerksamkeit. Auf meiner Brust liegt eine Wolke aus Schwermut und relativ schnell macht sich in meinen Gedanken ein Gefühl von Ertapptheit breit. Das schlechte Gewissen, nichts zu tun, und genau jetzt auf der Produktivitätsskala so weit unten zu verharren.


Sollte ein Neujahrsstart nicht genau das sein – produktiv?

Aber jetzt mal stopp, wer sagt das eigentlich? Wer sagt, dass wir genau am 01.01. eines Jahres mit Vollgas in den Startlöchern stehen müssen? Wer behauptet, dass unsere Visionen am Jahresanfang die klarsten sein sollen und wer hat in Stein gemeißelt, dass nur Neujahr auch nach Neubeginn auf der Zunge schmeckt? Braucht es wirklich ein Vision-Board, um sich über seine Ziele bewusst zu werden? Wie viel To-Do-Liste ist nötig, um seinen Alltag erfüllt zu nennen? Und was zum Henker ändert eine Bucket-List?


Dieses ständige Nach-vorne-Streben macht mich müde.

Ich entschließe mich, der Zukunft vorerst den Rücken zu kehren so Gott will, kommt davon noch genug auf mich zu) und widme mich vorerst dem Vergangenen. Wenn ich die letzten Jahre nämlich eines gemacht habe, dann vor allem Dinge aufschreiben. Unabhängig davon, ob Berufliches, Privates, Seminar- oder Gedankengut, bei mir bleibt nichts undokumentiert. Organisatorischen Missständen oder, um das Kind beim Namen zu nennen, meiner Faulheit geschuldet, stehen all diese Dinge, allerdings bunt gemischt und hintereinander weggeschrieben, in einem großen Notizbuch.

Da sich in dem mir innewohnenden Chaos aber nichtsdestotrotz ein Fünkchen Ordnungsliebe erhalten hat, bestelle ich mir nun weitere, kleinere Büchlein und ordne diese einzelnen Themenbereichen zu. Seite für Seite blättere ich das gut genutzte Notizbuch durch und übertrage dessen Inhalte in die neu dazugekauften Bücher. Nach einiger Zeit halte ich inne. Was ich lese, kommt mir seltsam vertraut vor. Irritiert blicke ich auf das obenstehende Datum und stelle fest, dass die Worte bereits knapp zwei Jahre alt sind.


Ich sollte innerhalb meiner Firma beruflich aufsteigen.

Lange hatte ich nebenberuflich Weiterbildungen besucht und für mein Weiterkommen geschuftet, was sich nun bezahlt zu machen schien. Und weißt Du was? Mir bibberten die Knochen. Die eine Sache war es, auf etwas hinzuarbeiten, etwas sein zu wollen, eine andere, es letzten Endes zu leben und wahrhaftig zu sein.

Das Ziel stand also schon mal, aber welcher Mensch müsste ich sein, um dem Ziel zu entsprechen? In der Ausbildung hatte ich mich viel mit Prozessen beschäftigt, die dem Erreichen von Zielen dienten. Jetzt war es an der Zeit, genau dieses Wissen für mich nutzbar zu machen. Mit der Unterstützung meines Coaches begab ich mich in einen Visualisierungsprozess und erschuf dabei nicht nur mein Ziel-Bild in Gedanken neu, sondern vor allem das Bild, das ich von mir in der anstehenden Lage haben wollte.

Um in meinen Gedanken eine möglichst detailreiche Abbildung zu kreieren, stellte ich mir unterschiedliche Fragen, immer unter der Prämisse, ich hätte mein Ziel bereits erreicht:

In was für einem Umfeld befinde ich mich zum Beispiel? Wo und vor allem wie wohne ich? Mit welchen Menschen umgebe ich mich? Was fällt mir ins Auge? Nehme ich bestimmte Geräusche oder Gerüche wahr und spüre ich möglicherweise bestimmte Gefühle in mir aufsteigen?

Welche Verhaltensweisen lege ich an den Tag? Wie gebe ich mich anderen, aber auch mir selbst gegenüber? Was für ein Gebaren braucht es, um mich je nach Situation zu bewähren?

Mit was für Fähigkeiten bin ich ausgestattet? Beherrsche ich womöglich eine neue Disziplin oder verfüge ich über noch ungeahntes Wissen?

Welche Werte entstehen aus all dem? Was treibt mich an? Habe ich vielleicht bestimmte Glaubenssätze entwickelt, die mir Kraft spenden?

Und schlussendlich: Wer ist die Frau, die all das in sich vereint? Wer bin ich?


Die Antworten auf all diese und viele weitere Fragen liegen heute vor mir

… in einem Notizbuch, mit royal blauer Kugelschreibermiene niedergeschrieben, auf inzwischen welligem Papier mit leicht ausgefransten Seitenrändern.

Ganz sachte entspannt sich meine Augenpartie und ich bemerke, wie mein linker Mundwinkel spitzbübisch gen Himmel zuckt. Was ich dort in handschriftlich geschwungenen, gleichmäßig auf den Linien des karierten Papiers niedergeschriebenen Zeilen lese, ist seit circa einem Jahr gelebte Geschichte. In einigen der Punkte habe ich mich im Verlauf der Zeit sogar übertroffen.

Zufrieden hebe ich meinen Blick. Die griesgrämige Schwermutswolke wiegt viel weniger schwer auf meinem Brustkorb. Lichtdurchflutet wäre übertrieben, dennoch fühlt es sich an, als brächen zaghaft Sonnenstrahlen durch das Dunkel des Trübsinns. Da, wo Schlechtwetter und Sonnenschein aufeinandertreffen, entsteht bekanntlich mit ein bisschen Glück ein Regenbogen und, das wissen wir alle, an dessen Ende findet sich ein riesengroßer Topf voller Gold. Ich mag Glück. Und Regenbögen. Und Gold.

Von meiner Rückschau positiv gestimmt, greife ich nach meinem Laptop und durchforste das World Wide Web nach Inspirationsquellen. Schon nach kurzer Zeit gebe ich eine Auswahl von Bildern in Postkartengröße in Auftrag und bestelle mir diese nach Hause. Die werden sich super als Collage an meiner Pinnwand machen! Offensiv im Flur platziert, kann ich so regelmäßig im Vorbeigehen einen Blick auf meine Wunschbilder werfen.

Motiviert von dieser Vorstellung, greife ich zu meinem Kalenderbuch und zücke die mit bunten Stiften vollgepackte Federtasche. Punkt für Punkt strukturiere ich die kommenden Tage, indem ich Notwendiges und Spaßiges in den einzelnen Spalten aufliste. Aktivitäten, die ich mit Vorliebe ausübe, unterlege ich gelb, Hobbies, die ich mehr in mein alltägliches Leben integrieren möchte, rosé, Weiterbildungen grün und Sport plane ich bereits im Voraus mit der Farbe blau ein. Ergänzend skizziere ich vor jedem Punkt ein kleines Kästchen, dass ich nach Erledigung der jeweiligen Aufgabe ganz entspannt abhaken kann. Es mag seltsam klingen, aber das Gefühl, am Ende des Tages mit leichtem Druck den finalen Haken auf das Papier zu übertragen, stimmt mich jedes Mal aufs Neue glücklich.

Gelassen vergrabe ich mich ein Stück weiter in den samtigen Polsterstoff meiner Couch. Mit einer Hand streife ich die verbliebenen Chips-Krümel von der Oberfläche meiner Wolldecke. Wohlig ziehe ich ihren Saum bis zu meiner Nasenspitze und denke: „Aber die Bucket-List, die schreibe ich sicher nicht.“

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