Sag mir was du verstanden hast, damit ich weiß, was ich gesagt habe

Telegram Gruppen sind der neuste hot Tea, so scheint es mir. Da simmer dabei!
Gruppenprogramme, Inspirationsquelle, Verbindungssuche – ich will alles. Gerne all in.
Ein halbes Jahr Club-Member mit Inbrunst und Karacho. Darum (zu) viel zu sein soll es gehen. Im Außen und innen.
Wöchentliche Aufgaben und monatliche Calls animieren mich, zwei Leitfiguren folgend, mit Frauen wie du und ich in Kontakt zu treten. Den großen Hallen voll Selbstoptimierungs-energie mag ich abgeschworen haben (siehe Blogbeitrag https://rummelimkopf.com/2020/04/28/weilduesdirwertbist/ ), aber was ist schon einzuwenden gegen ein bisschen kollektives Tschakka, wohlbehütet, in Flausch-Socken gekleidet und von der heimischen Couch aus?
So nämlich!

Mit fulminantem Auftakt starten wir, aufbegehrend gegenüber dem außen vorherrschenden Herbst-Blues, in motivierte Kennenlernrunden, honorieren Beiträge gegenseitig mit Herz-Emojis und präsentieren uns einander, was das Zeug hält.
Wochenaufgaben zu sogenannten Higher-Self-Outfits infiltrieren mein Einkaufsverhalten und drehen meinen Kleiderschrank auf links. Ein Bewusstmachen von bestehenden Alltagsritualen und das Entdecken neuer Wegbegleiter erinnert mich daran, kleine Inseln der Ruhe wieder wahrzunehmen und zelebrieren zu dürfen.
„Neeext!“ ruft es in alter MTV Datingshow-Manier in mir.

Was daraufhin folgt, ist die besinnliche Zeit. Von „Next“ kann erstmal keine Rede sein. Hier geht’s nämlich erstmal nicht weiter, sondern vor allem zurück. Woche für Woche reflektieren wir, unter Berücksichtigung von sich wiederholenden Fragen, die aufeinanderfolgenden Quartale unseres 2025 in der Rückschau. Dass „wir“ reflektieren, ist vielleicht insofern eine Übertreibung, als dass ich möglicherweise nach Quartal Nummer eins mental aus der Aufgabe aussteige. Für kurze Zeit übernimmt die Genervtheit das Ruder. Was weiß ich denn, welche Frau ich im jeweiligen Quartal war? Im besten Fall ich selbst…
Zwischen den Jahren sitze ich vor meinem Kalender und übertrage all die schönen Peaks aus 2025 in die neue, noch unbeschriebene Version für das Folgejahr. Wahlweise lettere, zeichne und male ich Wunschvorhaben für das kommende 2026 auf eine der ersten Kalenderseiten. Jedes Jahr aufs Neue ist das mein Innehalten, mein Wertschätzen und mein Hoffnungs-schöpfen.  
Mit Rückblick auf die vierwöchige Reflektionsphase muss ich über meinen Groll schmunzeln. Vielleicht geht es am Ende gar nicht um das „Wie“, um die Art der Fragen, um die Zeitspanne oder darum meine Erkenntnisse zu teilen, sondern vielmehr um das „Was“. Darum, in die Rückschau gegangen zu sein. Reflektiert. Für mich.

Auch das neue Jahr beginnt mit Rückschau, so zumindest scheint es mir erst einmal. Wir legen den Fokus auf vergangene Momente, Orte und Begebenheiten, die unser Energielevel erinnerbar hochhalten. Im Erstellen meines Visionboards darf ich feststellen, wie viel Zukünftiges in der Vergangenheit steckt und schöpfe Motivation aus bereits gelebten Wunschzuständen.
In der darauffolgenden Woche spüre ich meinem persönlichen Energiebarometer nach und begebe mich auf die Suche, welche Bereiche meines Lebens das kleine, in meiner Brust schlagende Herz zum Hüpfen bringen. Diesen Prozess dokumentiere ich fotografisch mit meinem Handy, was mich irgendwann dazu bewegt, weg von „was ist mir passiert“ zu „was möchte ich, dass es passiert“ zu agieren.
So langsam komme ich in Fahrt.

Nach nunmehr fünf Jahren lose angefangener Textversuche in meinen Word-Dateien, halte ich das erste Mal seit langer Zeit Seiten aus Papier mit zu Ende gedachten Zeilen in meinen Händen und komme nicht umhin ein Gefühl von Zufriedenheit in der Magengegend wahrzunehmen. Für einen kurzen Moment ist es ruhig um mich. Viel mehr noch – es ist ruhig in mir.
Aus einer Laune heraus recherchiere ich die Zugänge meiner längst ad acta gelegten Website. In der Befürchtung alles neu aufbauen zu müssen, werfe ich meiner letztjährigen Lethargie schließlich ein verschmitztes Zwinkern entgegen. Das Gute an Tatenlosigkeit, darf ich feststellen, ist nämlich, dass in dieser Zeit nichts passiert. Außer, dass möglicherweise Kosten für längst vergessene Websites weiterlaufen und Domains dadurch unangetastet vor sich hindümpeln, nur darauf wartend, dass einen nach fünf Jahren möglicherweise doch in einem Schlüsselmoment von Geistesgegenwärtigkeit die Muse küsst. Punkt für die Lethargie.
Mit meiner brachliegenden Podcast-Domain sieht die Sache ein bisschen anders aus. Die Anbieter wollen, dass ich aktiv den Kostenapparat anwerfe, und strafen mich mit ihren Supporttexten mit dem mahnenden Unterton eines nicht wütenden, aber durchaus enttäuschten Elternteils ab. Tun sie wahrscheinlich gar nicht, aber mein schlechtes Gewissen will es so gehört haben und auch wenn wir uns nicht immer einig sind, so halten wir, wenn es drauf ankommt, doch zusammen. Punkt für die Podcast-Plattform.
Mit der auf die Probe gestellten Geduld einer Fruchtfliege klicke ich mich mehr oder minder systematisch durch Supportlinks und Suchmaschinenverweise. And here we are: (https://open.spotify.com/show/1RSNnTuThsgfK6nKo95xab?si=edf7042e7b414dd8). Punkt für mich.

Indes ich auf Betriebstemperatur zu kommen scheine, ebbt die Dynamik innerhalb der Gruppe ab. Herz-Emojis werden weniger, Wortbeiträge machen sich rar.
Kurz bin ich mir nicht sicher, was die ausbleibenden Reaktionen zu bedeuten haben und beschließe schnell meine Gedanken von dieser Thematik abzuwenden, um meiner Freude über mein Tun nicht durch Zweifel den Platz zu verwehren, der ihr jetzt zusteht. 

Mit Ankündigung des monatlichen Zoom-Calls trudeln schließlich doch Nachrichten in den Chatverlauf. Fünf Mal „Ich kann nicht“, drei Mal „Ich weiß nicht“ und ca. elf Mal „Ich meld mich nicht“.
Selbst leicht verspätet schlawinere ich mich, online eingewählt, drum rum eine Intention für die bereits laufende Unterhaltung offenzulegen. Da sein erscheint mir fürs erste Intention genug. Leichtsinnig, wie sich herausstellt.
Mein Name fällt im Gespräch. Schnell bereue ich meine Antwort darauf, wie es mir gefallen habe, bei letztwöchiger Aufgabe im Mittelpunkt zu stehen. Noch mehr was danach kommt. Mund, Herz und Trotzkopf knüpfen schneller Bande, als die Vernunft das Harmonie-bedürfnis benachrichtigen kann. Inbrünstig und zugleich pragmatisch kommuniziere ich, wie sich die Situation für mich darstellt, welche Fragen ich mir stelle, was ich nicht verstehe und was ich mir wünsche. Etwas, dass mir nicht zum ersten Mal zum Verhängnis wird.

„Sag mir was du verstanden hast, damit ich weiß, was ich gesagt habe“, formulierte einst Paul Watzlawick (1921-2007). Ein Teil der Gruppe erwacht. So ruhig die Kommunikation bisher verlief, so eifrig erhalte ich Feedback zu Worten innerhalb des Calls, von denen ich nicht weiß, sie gesagt zu haben. Jeden Tag etwas mehr.
Das geht spurlos an mir vorbei – würde ich gerne sagen. Anstelle dessen finde ich mich nervös am Filter einer Zigarette nestelnd, mit Kopfhörern ausgestattet auf dem Balkon wieder. Spulend. Immer wieder spule ich die Aufnahme des Calls vor und zurück, gehe Gesagtes für mich durch und blende zudem Untertitel ein, damit mir nichts entgeht. Minutiös widme ich mich jedem Detail. Fast schon in der Hoffnung darauf, einen Satz, ein Wort, eine Silbe… einfach irgendetwas zu hören, was mich aufhorchen lässt, was mir die Chance, die Legitimation gibt, ein Schuldeingeständnis in der Telegram-Gruppe zu formulieren. Vergeblich.

In mir der Wunsch, mich zu erklären. Ich will Licht in die Sache bringen. Klarstellen, dass ich niemanden persönlich angreifen möchte. Versichern, dass ein „Dafür“ anstatt eines „Dagegen“ gemeint ist. Untermauern, dass natürlich jeder Mensch genau so sein darf, wie er ist. Und gleichzeitig will ich ehrlicherweise gar nichts davon.

Was ich wirklich will, ist Wochenaufgaben mit Kontinuität. Wie die Aufgaben genau aussehen, ist mir dabei gar nicht so wichtig. Ob es um stilistische Entwicklung geht oder darum, mich in meiner Persönlichkeit zu ergründen. Egal. Am Ende mach ich daraus eh, was ich will. Und irgendwie zahlt es auch beides aufs gleiche Konto ein.
Mindestens drölfzehn Mal bin ich irgendwo „tief getaucht“ und habe das ein oder andere Persönlichkeits-Game für mich durchgespielt. Mindestens genauso oft habe ich mich mit den Inhalten zu meinem für mich angefertigten Style-Kompass auseinandergesetzt. Dennoch sehe ich mich überproportional häufig mit Krümeln auf dem Hoodie in Strumpfhose durch die Wohnung pesen.
Ein bisschen ist es wie Fahrradfahren. Habe ich es verstanden? Klar. Wie sieht es praktisch aus? Rudimentär. Fahre ich? Vielleicht zweimal im Jahr. Und nichts davon ist richtig oder falsch. Nur schneller, das werde ich eben nicht. Und da kann niemand etwas für. Schon gar kein Radfahrer. Die ärgern mich höchstens, wenn sie mir ohne Licht durch die Seitenstraße entgegenkommen. Sie nehmen mir nicht die Möglichkeit selbst aufs Rad zu steigen, da will ich ja gar nicht hin. Mir fehlt nicht der Raum. Ich habe für mich entschieden, den Raum für das Fahrrad in den Keller zu verlagern. Und will ich doch mal in die Pedale treten, dann wechsle ich zurück auf die Straße. In meinem Tempo.
Vielleicht überholt mich jemand. Hauptsache ich hör die Klingel und wer weiß, vielleicht häng ich mich hinten dran.

Ob Fahrradwege, Telegram Gruppen oder sonstige Beschäftigungen: Wie auch immer der Raum aussieht, in dem wir uns bewegen – er ist da. Raum für Stylingexperimente, Inner-Deep-Shit, Raum für Austausch, all das ist da – sofern wir ihn als solches nutzen.
Vielleicht geht es am Ende gar nicht um das „Was“, unterschiedliche Charaktere, um verschiedene Motivationen oder darum, am lautesten zu sein, sondern vielmehr um das „Wie“. Darum, sich auszudrücken. Sichtbar zu sein. Auf die eigene Weise.

Montagmorgen. Eine neue Wochenaufgabe flattert in den Chat. Wir sollen feierlich und rituell Abschied von bisherigen Alltags-Kostümierungen nehmen, die uns bis dato dienlich waren. Dabei steht es uns frei einen „Buddy“ aus der Gruppe auszuwählen. Eine Person, bei der wir das Gefühl haben voll umfänglich ehrlich sein zu können, um gemeinsam in den Austausch zu gehen.
Erneut bewaffne ich mich mit Kopfhörern. Ich wähle einen Buddy und gemeinsam gestalten wir Raum und Zeit. Das „Was“ treibt uns zu zweistündigem Ideen-Austausch an, das „Wie“ sorgt für eine noch festere Verbindung zwischen uns.
Ob wir, wenn das Wetter schöner ist, eine Radtour machen, fragt meine beste Freundin. „Nur wenn du klingelst.“, antworte ich.

Wer laut wird, hat Unrecht

Getragen von Zorn werfe ich voller Wucht die Fernbedienung in Richtung des Sofahockers. Rotation lässt das Handteil ungünstig auf dem Polsterstoff auftreffen und schleudert es mit karmischer Genauigkeit zurück. Zielsicher, ungehalten und mit unglaublicher Präzision, trifft die Kante der Fernbedienung auf meine Unterlippe. Schmerz durchzieht unmittelbar meinen Kopf. Der Geschmack von Blut benetzt meine Zunge. Ich presse die Augen zusammen und versuche die Tränen zurückzuhalten, welche ungeachtet dessen meine Augeninnenwinkel mit Salz versehener Flüssigkeit tränken.
Von Gegenüber schallt ein Lachen. „Da siehst du nun, was du von deiner Wut hast!“
So steht sie da. Ein unmessbar denunzierender Grad an Erhabenheit, komprimiert auf 1,56m. Meine Mutter.

Privatsphäre ist lange Zeit für mich Sehnsuchtsdenken, Grenzüberschreitungen dagegen an der Tagesordnung. Jedwede Form von Aufbegehren wird quittiert mit Sätzen wie „Stell dich nicht so an.“, „Hab dich nicht so.“ oder meinem All-Time-Favourite „Wer laut wird, hat Unrecht.“.
Ich lerne Emotionen runterzuschlucken, daraus resultierende Bauchschmerzen zu ignorieren und perfektioniere mich in Selbstregulation. Erhascht mich ein Gefühl von Wut, atme ich. Viel. Droht die drückende Nebelwand im Kopf die Oberhand zu erlangen, ziehe ich mich zurück. Am besten mit Kopfhörern. Strömt Energie unaufhaltbar durch meinen ganzen Körper und verselbstständig sich bis in die Fingerspitzen, gehe ich in Bewegung. Macht es den Kopf auch nicht frei, den Körper macht es müde.

Bei familiären Unstimmigkeiten atme ich weg.
Nach stressigen Arbeitstagen setze ich Kopfhörer auf.
Als ich nach meiner ersten Dienstreise in eine leergeräumte Wohnung zurückkehre, laufe ich. Mit Kopfhörern. Außer Atem. Jeden Tag.

***

Mit argwöhnischem Blick lasse ich die Autotür hinter mir ins Schloss fallen. Umringt von malerischer Baumkulisse blicke ich auf die Tür eines wie in die Landschaft gemalten Hauses. Vier Tage soll ich hier ein Zuhause finden.
Meine Cousine bat mich, mit ihr an einem Seminar teilzunehmen. Sechshundertfünfzig Euro ließ sie sich dieses Geschenk kosten.
Man zeigt uns die Zimmer und neben der bewundernswerten Aufteilung des Hauses, komme ich nicht umhin festzustellen, dass wir offensichtlich in Mehrbettzimmern untergebracht sind. In mir steigt Unbehagen auf. Im Giebel des Zimmers finde ich die Möglichkeit meinen Schlafplatz einzurichten und ein kleines Stück Rückzug für mich zu beanspruchen. Die Kunde vorerst auf meinen morgendlichen Kaffee zu verzichten, trägt nicht zu einem Stimmungshoch bei.
Feste Rituale begleiten uns über die gesamte Aufenthaltsdauer und sollen uns helfen zwischen fokussierten Prozesseinheiten Struktur zu finden. Immer wieder entstehen auf diese Weise Zusammenkünfte innerhalb der Gruppe, sittsam beisammen, begleitet von Tee und Kerzenschein, wahlweise in einer Nische, am Küchentisch.
Je mehr ich mich nach Zurückgezogenheit sehne, so scheint es, desto mehr treten Mitteilnehmende mit mir in Kontakt. Gleichzeitig darf ich Zeugin davon werden, wie meine Cousine förmlich um Harmonie und Beisammensein mit all den Menschen um uns herum buhlt. Sie biedert sich an, wirbt säuselnd um die Aufmerksamkeit der anderen, sucht Konnektivität an jeder Stelle und erntet im selben Maß Gleichgültigkeit.

Viertägige Abgabe von Autonomie, der unerfüllte Wunsch nach Rückzug, die unstillbare Gefallsucht meiner Cousine… Wieder erwische ich mich dabei etwas wegzuatmen. Die morgendlichen Meditationen sollen mir statt Kopfhörern Ruhe schenken, ungeahnt der Lautstärke, die ihr in Wirklichkeit innewohnt. Außerhalb des täglichen Sportrituals bietet sich keine Gelegenheit, um Laufen zu gehen.

Pünktlich zur nächsten Prozesseinheit finden wir uns als Gruppe im Seminarraum des Hauses ein. Ungelebte Gefühle, festgefahrene Mechanismen, ins Heute getragene Traumata… all das bestimmt unsere gemeinsamen Stunden. Ich sehe Dinge, von denen ich nicht glaubte, ihnen jemals gewahr zu werden. Ich höre Worte, die Irrsinn und Klarheit gleichzeitig nähren. Ich fühle… Ungerührtheit.
In Kleingruppen widmen wir uns nach diversen emotionserforschenden Übungen nun gemeinsamen Wutprozessen. Während zwei Personen mich fest im Sicherheitsgriff halten, steht vor mir ein Stellvertreter, um sich symbolisch für mich als Projektionsfläche in den Dienst zu stellen. Er provoziert mich. Er triezt. Er fordert mich heraus. Und ich? Ich lache.
Ich rechtfertige, relativiere und winde mich mit den Worten „Und was bringt es, wenn ich wütend werde?“.

Eine der Trainerinnen trifft für mich die Entscheidung anstelle dessen in einen sogenannten „Liegeprozess“ zu wechseln. Seufzend ergebe ich mich ihrer Idee und finde mich kurzerhand mit weiteren drei Personen, nebeneinander in der Waagerechten, auf dem Boden wieder. Unsere Verbindung wird durch das Festhalten von Geschirrhandtüchern gewahrt, locker an jeweils einem Ende mit der Hand umfasst. Links von mir eine junge Frau, dahinter ein Mann. Rechts von mir ein weiterer. Gemeinsam verpflichten wir uns zum Befolgen zweier Regeln. „Ich achte darauf, niemand anderes zu verletzen.“, direkt gefolgt von „Ich achte darauf, mich nicht selbst zu verletzen.“
Jemand brüllt. „Jacky hat die Augen geschlossen!“ Offenbar gilt dies als Negierung des Gesagten. Mantraartig muss ich wiederholen. „Ich achte darauf, auch mich selbst nicht zu verletzen.“
Man klärt uns darüber auf, gleich bis drei eingezählt zu werden. Es soll der Startschuss sein, um all unsere Wut zu kanalisieren und unter anderem stimmlich nach außen zu tragen. Die Handtücher dienen uns als Halt, so dass wir unsere Energie, transferiert in Zugkraft, hinauslassen können, ohne dass jemand anderes dabei zu Schaden kommt.
Während eine entschiedene Stimme die Zahlen eins bis drei kraftvoll an uns richtet, rolle ich innerlich mit den Augen. Auf dem Boden liegend vor sich hinzubrüllen, entbehrt für mich nicht einer gewissen Lächerlichkeit. Gleichzeitig will ich andere Teilnehmende nicht um ihr Erlebnis bringen. Mit zusammengekniffener Augenpartie grunze ich vermeidlich griesgrämig vor mich hin. Wir werden angefeuert und dazu angehalten unseren Gefühlen freien Lauf zu lassen, um uns kurz darauf wieder der körperlichen Entspannung hinzugeben.
Ich bin genervt. Atmen hat keinen Zweck.

Ein zweites Mal dringt das Hochzählen von eins bis drei an mein Ohr. Obwohl ich mir nicht einmal Mühe gebe, spüre ich links von mir nur lasches Ziehen am Geschirrhandtuch.
Keine Kopfhörer. Keine Ruhe.
Und dann schreie ich. Lauter. Das Flirren in meinen Zellen beginnt. Wut kocht in mir hoch. Sie findet ihren Ursprung im Bauch und breitet sich von dort rasend schnell aus. Ich schreie und ich ziehe. Immer mehr. Energie durchströmt meinen ganzen Körper. Sie brodelt, bis in die Fingerspitzen. Und sie will raus.
Wir pausieren und man schickt uns zurück in die erschöpfte Entspannung. Doch ich kann nicht. Ich bin nicht erschöpft. Ich bin wütend!

Ein letztes Mal wird hochgezählt. Viel zu langsam.
Elektrisiert liege ich am Boden, höre „Eins!“. Meine Gliedmaßen stehen unter Spannung. „Zwei!“, tönt die durchdringende Stimme an mein Ohr. Wie fremdgesteuert und gleichzeitig vollkommen klar umfasse ich zu meiner linken wie zu meiner rechten das Geschirrhandtuch mit festerem Griff. „DREI!“, dröhnt es abrupt aus meiner Kehle.
Mein Körper windet sich, jeder Muskel steht auf Spannung und ich schreie. Mit jeder Faser meines Körpers. Aus tiefster Seele. Schier unendlich.
Nach einer gefühlten Ewigkeit ebben die Laute ab. Jegliche Anspannung verkehrt sich ins Nichts. Mit ausgestreckten Gliedmaßen liege ich da. Und ich atme. Nicht weg, sondern ein. Ruhe wabert wunderbar wolkig durch meine Neuronen. Keine Bewegung erforderlich. Einfach nur Sein.
Neben mir vernehme ich leises Wimmern. Während der links außen liegende junge Mann sich langsam zur Seite rollt, um sich aufzusetzen und sich mit seinen Händen über das Gesicht zu reiben, ähnlich dem Aufstehen nach einer anstrengenden Nacht, verfällt unsere gemeinsame Platznachbarin ins Schluchzen. „Da kam so viel Wut von der Seite.“, bringt sie zwischen zwei Schluchzern hervor. Indes liege ich da. Seelig alle Viere von mir gestreckt. Ob ich noch wütend bin, fragen sie mich. Ich muss lachen.

Eine ganze Woche lang fehlt mir danach die Stimme.
Jetzt da sie zurück ist, weiß ich, dass ich sie mir nicht mehr nehmen lasse.
Denn wer laut ist, mag vielleicht Unrecht haben.
Wer aber still bleibt, verwirkt sein Recht.

***

Heute weiß ich, dass es Wut ist, die meiner Wahrhaftigkeit eine Stimme gibt. Es ist Wut, die meinen Gedanken als Vehikel dient, um den Übertritt in die Wirklichkeit zu meistern. Und es ist Wut, die nicht mehr mich kontrolliert, seitdem ich sie akzeptiere. Oder um es mit den Worten von Bruce Banner zu sagen:

Das ist mein Geheimnis, […]. Ich bin immer wütend.