Getragen von Zorn werfe ich voller Wucht die Fernbedienung in Richtung des Sofahockers. Rotation lässt das Handteil ungünstig auf dem Polsterstoff auftreffen und schleudert es mit karmischer Genauigkeit zurück. Zielsicher, ungehalten und mit unglaublicher Präzision, trifft die Kante der Fernbedienung auf meine Unterlippe. Schmerz durchzieht unmittelbar meinen Kopf. Der Geschmack von Blut benetzt meine Zunge. Ich presse die Augen zusammen und versuche die Tränen zurückzuhalten, welche ungeachtet dessen meine Augeninnenwinkel mit Salz versehener Flüssigkeit tränken.
Von Gegenüber schallt ein Lachen. „Da siehst du nun, was du von deiner Wut hast!“
So steht sie da. Ein unmessbar denunzierender Grad an Erhabenheit, komprimiert auf 1,56m. Meine Mutter.
Privatsphäre ist lange Zeit für mich Sehnsuchtsdenken, Grenzüberschreitungen dagegen an der Tagesordnung. Jedwede Form von Aufbegehren wird quittiert mit Sätzen wie „Stell dich nicht so an.“, „Hab dich nicht so.“ oder meinem All-Time-Favourite „Wer laut wird, hat Unrecht.“.
Ich lerne Emotionen runterzuschlucken, daraus resultierende Bauchschmerzen zu ignorieren und perfektioniere mich in Selbstregulation. Erhascht mich ein Gefühl von Wut, atme ich. Viel. Droht die drückende Nebelwand im Kopf die Oberhand zu erlangen, ziehe ich mich zurück. Am besten mit Kopfhörern. Strömt Energie unaufhaltbar durch meinen ganzen Körper und verselbstständig sich bis in die Fingerspitzen, gehe ich in Bewegung. Macht es den Kopf auch nicht frei, den Körper macht es müde.
Bei familiären Unstimmigkeiten atme ich weg.
Nach stressigen Arbeitstagen setze ich Kopfhörer auf.
Als ich nach meiner ersten Dienstreise in eine leergeräumte Wohnung zurückkehre, laufe ich. Mit Kopfhörern. Außer Atem. Jeden Tag.
***
Mit argwöhnischem Blick lasse ich die Autotür hinter mir ins Schloss fallen. Umringt von malerischer Baumkulisse blicke ich auf die Tür eines wie in die Landschaft gemalten Hauses. Vier Tage soll ich hier ein Zuhause finden.
Meine Cousine bat mich, mit ihr an einem Seminar teilzunehmen. Sechshundertfünfzig Euro ließ sie sich dieses Geschenk kosten.
Man zeigt uns die Zimmer und neben der bewundernswerten Aufteilung des Hauses, komme ich nicht umhin festzustellen, dass wir offensichtlich in Mehrbettzimmern untergebracht sind. In mir steigt Unbehagen auf. Im Giebel des Zimmers finde ich die Möglichkeit meinen Schlafplatz einzurichten und ein kleines Stück Rückzug für mich zu beanspruchen. Die Kunde vorerst auf meinen morgendlichen Kaffee zu verzichten, trägt nicht zu einem Stimmungshoch bei.
Feste Rituale begleiten uns über die gesamte Aufenthaltsdauer und sollen uns helfen zwischen fokussierten Prozesseinheiten Struktur zu finden. Immer wieder entstehen auf diese Weise Zusammenkünfte innerhalb der Gruppe, sittsam beisammen, begleitet von Tee und Kerzenschein, wahlweise in einer Nische, am Küchentisch.
Je mehr ich mich nach Zurückgezogenheit sehne, so scheint es, desto mehr treten Mitteilnehmende mit mir in Kontakt. Gleichzeitig darf ich Zeugin davon werden, wie meine Cousine förmlich um Harmonie und Beisammensein mit all den Menschen um uns herum buhlt. Sie biedert sich an, wirbt säuselnd um die Aufmerksamkeit der anderen, sucht Konnektivität an jeder Stelle und erntet im selben Maß Gleichgültigkeit.
Viertägige Abgabe von Autonomie, der unerfüllte Wunsch nach Rückzug, die unstillbare Gefallsucht meiner Cousine… Wieder erwische ich mich dabei etwas wegzuatmen. Die morgendlichen Meditationen sollen mir statt Kopfhörern Ruhe schenken, ungeahnt der Lautstärke, die ihr in Wirklichkeit innewohnt. Außerhalb des täglichen Sportrituals bietet sich keine Gelegenheit, um Laufen zu gehen.
Pünktlich zur nächsten Prozesseinheit finden wir uns als Gruppe im Seminarraum des Hauses ein. Ungelebte Gefühle, festgefahrene Mechanismen, ins Heute getragene Traumata… all das bestimmt unsere gemeinsamen Stunden. Ich sehe Dinge, von denen ich nicht glaubte, ihnen jemals gewahr zu werden. Ich höre Worte, die Irrsinn und Klarheit gleichzeitig nähren. Ich fühle… Ungerührtheit.
In Kleingruppen widmen wir uns nach diversen emotionserforschenden Übungen nun gemeinsamen Wutprozessen. Während zwei Personen mich fest im Sicherheitsgriff halten, steht vor mir ein Stellvertreter, um sich symbolisch für mich als Projektionsfläche in den Dienst zu stellen. Er provoziert mich. Er triezt. Er fordert mich heraus. Und ich? Ich lache.
Ich rechtfertige, relativiere und winde mich mit den Worten „Und was bringt es, wenn ich wütend werde?“.
Eine der Trainerinnen trifft für mich die Entscheidung anstelle dessen in einen sogenannten „Liegeprozess“ zu wechseln. Seufzend ergebe ich mich ihrer Idee und finde mich kurzerhand mit weiteren drei Personen, nebeneinander in der Waagerechten, auf dem Boden wieder. Unsere Verbindung wird durch das Festhalten von Geschirrhandtüchern gewahrt, locker an jeweils einem Ende mit der Hand umfasst. Links von mir eine junge Frau, dahinter ein Mann. Rechts von mir ein weiterer. Gemeinsam verpflichten wir uns zum Befolgen zweier Regeln. „Ich achte darauf, niemand anderes zu verletzen.“, direkt gefolgt von „Ich achte darauf, mich nicht selbst zu verletzen.“
Jemand brüllt. „Jacky hat die Augen geschlossen!“ Offenbar gilt dies als Negierung des Gesagten. Mantraartig muss ich wiederholen. „Ich achte darauf, auch mich selbst nicht zu verletzen.“
Man klärt uns darüber auf, gleich bis drei eingezählt zu werden. Es soll der Startschuss sein, um all unsere Wut zu kanalisieren und unter anderem stimmlich nach außen zu tragen. Die Handtücher dienen uns als Halt, so dass wir unsere Energie, transferiert in Zugkraft, hinauslassen können, ohne dass jemand anderes dabei zu Schaden kommt.
Während eine entschiedene Stimme die Zahlen eins bis drei kraftvoll an uns richtet, rolle ich innerlich mit den Augen. Auf dem Boden liegend vor sich hinzubrüllen, entbehrt für mich nicht einer gewissen Lächerlichkeit. Gleichzeitig will ich andere Teilnehmende nicht um ihr Erlebnis bringen. Mit zusammengekniffener Augenpartie grunze ich vermeidlich griesgrämig vor mich hin. Wir werden angefeuert und dazu angehalten unseren Gefühlen freien Lauf zu lassen, um uns kurz darauf wieder der körperlichen Entspannung hinzugeben.
Ich bin genervt. Atmen hat keinen Zweck.
Ein zweites Mal dringt das Hochzählen von eins bis drei an mein Ohr. Obwohl ich mir nicht einmal Mühe gebe, spüre ich links von mir nur lasches Ziehen am Geschirrhandtuch.
Keine Kopfhörer. Keine Ruhe.
Und dann schreie ich. Lauter. Das Flirren in meinen Zellen beginnt. Wut kocht in mir hoch. Sie findet ihren Ursprung im Bauch und breitet sich von dort rasend schnell aus. Ich schreie und ich ziehe. Immer mehr. Energie durchströmt meinen ganzen Körper. Sie brodelt, bis in die Fingerspitzen. Und sie will raus.
Wir pausieren und man schickt uns zurück in die erschöpfte Entspannung. Doch ich kann nicht. Ich bin nicht erschöpft. Ich bin wütend!
Ein letztes Mal wird hochgezählt. Viel zu langsam.
Elektrisiert liege ich am Boden, höre „Eins!“. Meine Gliedmaßen stehen unter Spannung. „Zwei!“, tönt die durchdringende Stimme an mein Ohr. Wie fremdgesteuert und gleichzeitig vollkommen klar umfasse ich zu meiner linken wie zu meiner rechten das Geschirrhandtuch mit festerem Griff. „DREI!“, dröhnt es abrupt aus meiner Kehle.
Mein Körper windet sich, jeder Muskel steht auf Spannung und ich schreie. Mit jeder Faser meines Körpers. Aus tiefster Seele. Schier unendlich.
Nach einer gefühlten Ewigkeit ebben die Laute ab. Jegliche Anspannung verkehrt sich ins Nichts. Mit ausgestreckten Gliedmaßen liege ich da. Und ich atme. Nicht weg, sondern ein. Ruhe wabert wunderbar wolkig durch meine Neuronen. Keine Bewegung erforderlich. Einfach nur Sein.
Neben mir vernehme ich leises Wimmern. Während der links außen liegende junge Mann sich langsam zur Seite rollt, um sich aufzusetzen und sich mit seinen Händen über das Gesicht zu reiben, ähnlich dem Aufstehen nach einer anstrengenden Nacht, verfällt unsere gemeinsame Platznachbarin ins Schluchzen. „Da kam so viel Wut von der Seite.“, bringt sie zwischen zwei Schluchzern hervor. Indes liege ich da. Seelig alle Viere von mir gestreckt. Ob ich noch wütend bin, fragen sie mich. Ich muss lachen.
Eine ganze Woche lang fehlt mir danach die Stimme.
Jetzt da sie zurück ist, weiß ich, dass ich sie mir nicht mehr nehmen lasse.
Denn wer laut ist, mag vielleicht Unrecht haben.
Wer aber still bleibt, verwirkt sein Recht.
***
Heute weiß ich, dass es Wut ist, die meiner Wahrhaftigkeit eine Stimme gibt. Es ist Wut, die meinen Gedanken als Vehikel dient, um den Übertritt in die Wirklichkeit zu meistern. Und es ist Wut, die nicht mehr mich kontrolliert, seitdem ich sie akzeptiere. Oder um es mit den Worten von Bruce Banner zu sagen:
„Das ist mein Geheimnis, […]. Ich bin immer wütend.“